Gänsehaut, der kalte Krieg und die Zukunft

Eine Reise in die Vergangenheit: Auf einer Fahrt in Richtung Finnland vor einigen Tagen hatte uns eine kurze Pause abseits der E4 wieder einmal eine Gänsehaut beschert. Nur einige Kilometer von der E4 entfernt, auf der sich im Sommer Scharen von Touristen bewegen, sind wir auf einen idyllischen Platz gestossen. Ein kleiner Waldspaziergang hat uns jedoch abrupt in die Abgründe vergangener Realitäten geführt. 

In den heissen Zeiten des kalten Krieges (nach Lehrbuch die Zeit von 1947 bis 1989) war Schweden von den westlichen Bündnispartnern als eines der Hauptaufmarschgebiete (zutreffender wäre wohl der Begriff „Schlachtfelder“) eines möglichen Ost-West-Konfliktes, sprich einer Invasion aus dem Osten, ausersehen worden (und das obwohl Schweden zu keiner Zeit Mitglied der NATO war). Das Wettrüsten in unvorstellbarem Ausmass hatte seine Spuren auch in Schweden hinterlassen.

Unser kleiner Waldspaziergang führte uns somit mitten in ein Feld aus Panzersperren und Bunkeranlagen, die uns eine Gefühl von Gänsehaut beschert haben. Den Überresten geheimer Flugfelder sind wir im Inland schon häufiger begegnet, aber so grossflächige und massive Verteidigungsanlagen waren sogar für uns neu. 

Unsere journalistische Ader erwachte und wir begannen, uns im nächsten Dorf bei Anwohnern etwas näher über die jüngere Geschichte zu erkundigen. Bereitwillig wurde uns von grossen und weitläufigen Bunkeranlagen mit meterdicken Betonwänden und Armierungseisen in Unterarmstärke berichtet, die auch direkten Angriffen mit Kernwaffen standhalten sollten. Die meisten Anlagen sind seit dreissig Jahren verwaist, die Eingänge wurden verschlossen. Einige Objekte aber werden von Vereinen gepflegt und können besichtigt werden.

Die Stimmung an diesen Orten ist eigenartig. Die Natur hat sich ihren Teil zurückgeholt und Rentiere weiden zwischen tonnenschweren Betonklötzen; Kraniche ziehen friedlich ihre Bahnen am Himmel. Die Anmutung von Chaos und Zerstörung scheint aber dennoch atmosphärisch konserviert und bedrückt die Stimmung des Besuchers.

Der rüstige Rentner, mit dem wir uns angeregt unterhalten haben, war in Gesprächslaune. Nennen wir ihn Lars. 

Lars zeichnete in groben Zügen das grosse Bild der vergangenen Zeiten.

Bekanntlich hatte Schweden in den 70er-Jahren geradezu aberwitzig hohe Steuersätze durch die Kombination von Ertrags- und Substanzsteuern. Der schwedenkundige Leser erinnert sich an populäre Beispiele wie Astrid Lindgren oder ABBA. Die zu zahlende Steuerlast hatte dazu geführt, dass die Steuern und Abgaben mehr als 100 Prozent der Einnahmen ausmachten. Normalerweise wird das als Teil der wirtschaftlichen Blütezeit Schwedens in den Nachkriegsjahren bis zum Ende der 70-er Jahre gesehen und in diesem Kontext bewertet: Der Lebensstandard und das Wohlfahrtssystem waren europaweit legendär, was die sprudelnden Steuereinnahmen verschlang. 

Lars war kritischer und zeichnete ein anderes Bild. „Was meinst Du“, fragte er, „wo ein Grossteil der ganzen Steuermillarden hin gegangen sind?“. Und er berichtete uns von den geheimen Grossbaustellen unvorstellbaren Ausmasses. „Das hat alles unglaublich viel Geld gekostet, und seit dreissig Jahren gammelt alles vor sich hin“, fuhr er fort, um uns dann zu belehren, „dass Schweden zu dieser Zeit an der Weltspitze mit den Pro-Kopf-Rüstungsausgaben gelegen hatte“. Wir fragten nicht nach, woher er die gute Kenntnis der Zusammenhänge besitzt.  

Er rundete seinen kleinen Vortrag ab: „Die in Schweden sehr schwere Finanz- und Bankenkrise der späten 80-er und frühen 90-er Jahre hatte dann das Geld versiegen lassen, und die Entspannung zwischen Ost und West gegen Ende der 80-er Jahre hatte das alles hier obsolet werden lassen. Die Ruinen bleiben uns als Erinnerung erhalten.“  

Wir packten zusammen und setzten unsere Reise gen Finnland fort. Die Gedanken kreisten nun Kilometer für Kilometer um die eindrücklichen Bilder und die Berichte von Lars.

Uns verbindet die Hoffnung, dass die Ruinen weiter verfallen und die Zeiten des kalten Krieges gezählt sind.

Möge Schweden weitere 200 Jahre in Frieden leben. 

Panzersperren: Die Natur erobert sich das Gebiet zurück
Panzersperren: Die Natur erobert sich das Gebiet zurück


Diese tonnenschweren Kolosse wären im Ernstfall <br />mit einem Handgriff auf die Strasse zu rollen gewesen.
Diese tonnenschweren Kolosse wären im Ernstfall
mit einem Handgriff auf die Strasse zu rollen gewesen.


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20. August

Der 20. August ist am Polarkreis in dreifacher Hinsicht ein bedeutsames Datum:

- Schwalbenschwärme ziehen in akrobatischen Flugmanövern über unsere Köpfe. Unter ihnen auch die drei kleinen Schwälbchen, die in einem Nest am Dachbalken unserer Scheune in schwindelerregender Höhe geschlüpft sind. Es war ein Naturschauspiel, sie aufwachsen zu sehen und die ersten Flugversuche zu verfolgen. Das war vor acht Wochen. Und nun bereiten sie sich auf eine mehrere tausend Kilometer lange Reise vor. Eigentlich sollten sie sogar schon unterwegs sein, denn normalerweise ist der 20. August das „Abflugdatum“ der Schwalbenschwärme. Wegen des derzeit sonnigen Wetters wird sich das Datum dieses Jahr um einige Tage verschieben.

- Es lässt sich nun (leider) nicht mehr verleugnen, dass es bald wieder kalt werden wird am Polarkreis. Just am 20. August, zog der Gerätewagen im Auftrag des Vägverkets seines Weges, um die „Snöstängsel“ (Schneestangen) für die kommende Wintersaison in den Boden zu bohren. Ein komisches Gefühl bei - ungewöhnlichen - 20 Grad Tagestemperatur. In Västerbotten sind die Markierungsstäbe aus leuchtend rotem Plastik gefertigt und haben mehrere Markierungen aus Signaltape, wohingegen auf den Nebenstrassen in Norrbotten noch echte Holzstangen zum Einsatz kommen. Diese werden wegen ihrer besonders geraden Form eigens aus Russland importiert und dann an mehreren Stellen mit Signalfarbe lackiert.

- Schliesslich ist der 20. August der Tag, an dem in unserem beschaulichen kleinen Dorf die Strassenbeleuchtung wieder in Betrieb genommen wird. Vor sieben Wochen noch ging die Sonne gar nicht unter; nun ist es ab 22 Uhr schon so dämmrig, dass die Strassenlaternen wieder einige Stunden ihr Licht spenden.

Snöstängsel aus Västerbotten - von innen betrachtet
Snöstängsel aus Västerbotten - von innen betrachtet

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Zwischenlandung

Zwischenlandungen sind zugleich Fix- und Fluchtpunkte des Lebens.



Zwischenlandung - Fundstück aus Arlanda
Zwischenlandung - Fundstück vom Stockholm Arlanda Airport

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Strassenbau in Schweden

Eine längere Autofahrt hat uns am vergangenen Sonntag viele Kilometer über unbefestigte Wege geführt. Schweden ist ein weitläufiges Land und das Wegenetz umfasst 98.500 Km Staatsstrassen und 41.600 Km kommunale Strassen. Dazu kommen noch jede Menge privater Strassen, deren Unterhaltspflicht nicht bei der öffentlichen Hand liegt. Von den 98.500 Km Staatsstrassen fallen 72.100 Km in die Kategorie „sonstige Strassen“. Von diesen sind 19.300 Km, d. h. ungefähr 20% des Wegenetzes, „Schotterpisten“ (der grösste Teil davon in Nordschweden; Quelle: Trafikverket).

Das Wegenetz will unterhalten und im Winter auch geräumt werden. Eine herausfordernde Aufgabe, denn die langen und harten Winter führen dazu, dass Wege und Strassen wegen Frostschäden beinahe jährlich ausgebessert werden müssen. Manchmal scherzen wir auf Autofahrten wegen der Spurrillen, dass es jetzt an der Zeit wäre, die Kanus auszupacken um paddeln zu können.

Manchmal nimmt das skurrile Formen an, wie wir auf der besagten Fahrt am vergangenen Sonntag wieder einmal sehen durften. Ein Waldweg, der zu einem entlegenen Ortsteil führt, war vom Regen ausgespült und das Strassenbett hatte sich um ca. 20-30 cm gesetzt. Kratern gleich gab es Schlaglochfelder, die jeder Teststrecke für Autos Ehre gemacht hätten. Zwischen den Schlaglöchern ragten bedenklich hohe, einzelne Steinbrocken heraus. Hoch genug, um jeder PKW-Ölwanne ein jähes Ende bereiten zu können.

Ein findiger Kopf hatte das Problem auf eine sehr kreative - und farbenfrohe - Art und Weise gelöst, indem er (oder sie) alle herausragenden Steine mit roter Signalfarbe besprüht hat. Ob das eine vorbereitende Massnahme für die (hoffentlich) kommenden Unterhaltsarbeiten an dem Weg, oder nur als Hinweis für die Verkehrsteilnehmer gedacht war, war leider nicht heraus zu finden.

Unser Tipp an alle Schwedenreisenden und Urlauber: Das weit verzweigte Netz an unbefestigten (Wald-) Wegen führt oft zu bezaubernden Stellen. Hohe Aufmerksamkeit und angepasste Geschwindigkeit sind aber unbedingt anzuraten! Und mit dem Wohnmobil oder Wohnwagen bitte vernünftig bleiben und keine Risiken eingehen. Erfahrungsgemäss ist das Mobilfunknetz draussen an entlegenen Stellen im Wald immer dann nicht vorhanden, wenn es dringend gebraucht wird.

Strassenbau in Schweden
Strassenbau in Schweden

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Zwischenstand zum arktischen Sommer 2015

Zwischenstand zum arktischen Sommer 2015; die Fortsetzung.

Die kurze Version: Regen, Regen, Regen

Die mittellange Version: Regen, Kälte, Regen, Kälte

Die ausführliche Version: Der Sommer in Schwedisch-Lappland hat sich bislang als Totalausfall erwiesen. Er hat schlicht und ergreifend bislang nicht stattgefunden. Zusammen genommen waren es nur ungefähr zwei Wochen mit sommerlichen Temperaturen und ohne Niederschlag. Und nach dem Wettergefühl der Einheimischen beginnt mit dem August bereits die herbstliche Zeit. Ganz so dramatisch sehen wir das nicht, denn wir hatten die letzten Jahre ab und an auch einmal einen richtig schönen und warmen August. Aber für viele Schweden war der Sommer eine Belastung. Die schwedische Ferienzeit neigt sich dem Ende zu und die Daheimgebliebenen hatten kaum eine Chance, die „inneren Akkus“ für den Winter zu füllen.

Prägend für den arktischen Sommer 2015 in Lappland: Regen
Prägend für den arktischen Sommer 2015 in Lappland: Regen


Auch für die kürzlich hier schon erwähnten kommerziellen Beerenpflücker, die zu einem grossen Teil eigens aus Thailand hierher fliegen, ist die Katastrophe voll im Gange. Normalerweise können sie in zwei Monaten Sommerarbeit in Schweden genug verdienen, um ihre Familie zu Hause den Rest des Jahres zu ernähren. Dieses Jahr sehen wir ausnahmslos verzweifelte Gesichter. Von den begehrten Hjortronbeeren ist dieses Jahr fast keine Spur zu finden. Wo normalerweise ertragreiche Gebiete sind, gibt es dieses Jahr nichts. Auch die spätere Blau- und Preiselbeerernte sind akut gefährdet. Für die Beerenpflücker ist das deswegen so dramatisch, weil sie zum überwiegenden Teil erfolgsbezogen vergütet werden. Keine Ernte ergibt also fast keinen Lohn. Und auch der geringe Garantielohn ist gefährdet, denn die auftraggebenden Unternehmen sind in einer so dramatisch schlechten Saison von Insolvenz bedroht. Die mit einer befristeten Arbeitserlaubnis ausgestatteten ausländischen Saisonarbeiter haben aber praktisch keine Chance, das im schwedischen Recht vorgesehene Konkursausfallgeld geltend zu machen und müssen dann mit leeren Taschen wieder nach Hause fliegen (die Reisekosten zahlen sie natürlich selbst). Die Tragödien lassen sich nur erahnen.

Auch die schwedische Landwirtschaft stellt sich auf grosse Ernteausfälle ein. Kartoffelbauern berichten, dass bis zu 90% der Ernte bereits jetzt unwiderruflich verloren sind.

Und auch für viele Touristen ist der Sommer trist. Wer ein festes Urlaubsdach über dem Kopf und die richtige Kleidung hat, kann auch dem trüben Sommer viele reizvolle Seiten abgewinnen. Die Campingplätze aber sind gähnend leer und viele Wohnmobilisten, mit denen wir gesprochen haben, haben ihren Urlaub abgebrochen und sich wieder auf die Heimreise gemacht.

Kraniche und Rentiere am Wegesrand
Die Tierwelt nimmt es etwas gelassener: Kraniche und Rentiere am Wegesrand

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Alte Schönheit - Changing Airplanes at Stockholm-Arlanda

Flughafenflair - Ich mag Flughäfen. Nervenzentren der modernen Gesellschaft. Manchmal eröffnen sie Dir das Tor zur Welt und manchmal den Hafen zur Heimat.

Viele Vielflieger sind gestresst, wenn sie an das Umsteigen denken. In Stockholm-Arlanda ergibt sich oft die Chance mit dem Bus von einem Flugzeug zum Anderen zu fahren, was immer wieder ganz besondere Augenblicke bereit hält. Neulich zum Beispiel dieses bezaubernde Fundstück einer alten Schönheit. Schönheit altert eben nicht - im Gegenteil.

Was für ein Flugzeugtyp das ist, weiss ich leider nicht und auch die Fluglinie blieb mir verborgen. Der kurze Augenblick des perfekten Framings hinter der Scheibe aber hat sich ins Gedächtnis eingegraben.

Alte Schönheit - Changing Airplanes at Stockholm-Arlanda
Alte Schönheit - Stockholm-Arlanda Airport

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