Leben im Jetzt oder in der Vergangenheit?

Classic Car / Oldtimer in den Wäldern Lapplands


In Lappland wird vielerorten von der „guten alten Zeit“ geschwärmt. Der Glanz vergangener Epochen scheint wie der letzte Abglanz der untergehenden Sonne am Horizont.

Vielleicht ist es ungerecht und falsch, dieses Phänomen in besonderer Weise auf Nordschweden zu beziehen, wenngleich es gewichtige Argumente dafür gibt.

Möglicherweise handelt es sich um eine allgemeine Entwicklung, aber uns fällt sie seit einigen Jahren rund um den Polarkreis ganz besonders auf.

Lappland ist ja ein wahres Paradies der Vergangenheit. Ein Beispiel: In den Wäldern finden sich Massen bildhübscher Oldtimer und die Forgotten Places sind reich gesät.

Das spiegelt sich in den Menschen, die hier leben, wider. In vielen Gesprächen erleben wird, dass Menschen, ja ganze Gruppen krampfhaft an Geschichten und Begebenheiten aus der „glorreichen, guten alten Zeit“ festhalten. Daran, wie gross und bedeutsam z. B. eine Siedlung in den 50er Jahren einstmals war, obwohl dort heute nur noch eine handvoll Menschen leben. Oder dass das Folkets Hus (Dorfgemeinschaftshaus, vergleichbar mit einer Stadthalle im Kleinformat) eines Ortes in den 60ern einmal der Veranstaltungsort grosser Tanzveran-
staltungen war, obwohl das Haus heute nur noch ein baufälliger Trümmerhaufen ist.

Viele Menschen hier - ab dem Mittelalter aufwärts - leben in der Vergangenheit und sind dort geistig und emotional stehen geblieben. Paradoxerweise werden die scheinbaren „Segnungen“ der modernen Technik gerne angenommen (meist in äusserst unguter Art und Weise, Stichwort z. B. Windkraft, aber das würde einen eigenen Blogartikel füllen). Dennoch gleichen aber der inneren Einstellung nach ganze Landstriche einem grossen Museum.

„History is more or less bunk“ hat Henry Ford bekanntlich gesagt. Und damit wollte er wohl zu einem Leben im Jetzt statt in der Vergangenheit aufrufen. Ein bemerkenswerter Gedanke. Keine Frage: Es ist wichtig, aus der Vergangenheit Lehren zu ziehen. Wir sind nicht gezwungen, die gleichen Fehler immer wieder machen zu müssen. Wo die Beschäftigung mit der Vergangenheit aber nur der Glorifizierung vergangener Zeiten dient, läuft psychologisch gewaltig etwas schief.

Leider leben die meisten Menschen bekanntlich entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Die allerwenigsten in der Gegenwart.

Wer in der Gegenwart lebt, ist präsent und hat Freude am Leben.

Wer demgegenüber in der Vergangenheit lebt, hat diese in aller Regel nicht aufgearbeitet und sucht in ihr das ihm Vertraute und Bekannte. Er hat Angst im Jetzt zu versagen und Angst davor, was ihn in der Zukunft erwarten könnte.

Hinzu kommt, dass der Schwede meisterhaft in der Kunst des „sopa under mattan“ (die Kunst des unter den Teppich kehrens) ist. Der Hügel wächst mit der Zeit, bis man irgendwann - absehbar - kräftig darüber stolpert.

Wer sich mit dem Thema akustisch und literarisch vertiefend befassen möchte, dem sei folgender Klassiker (hier eine Aufnahme von 1969) ans Herz gelegt:



Die Lyrics zum Song gibt es hier.

Besser könnte ich es nicht zusammenfassen...

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