Jahresrückblick und Ausblick aus Lappland - Willkommen in der Zukunft

In unserer Jugend haben wir Filme wie Mad Max, Die Klapperschlange und Terminator geschaut. Allesamt in den 80ern gedreht und mit einem Ausblick auf eine düstere Zukunft irgendwann um die Jahrtausendwende.

Die Klassiker "Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley und „1984“ von George Orwell durften wir sogar schon in der Schulzeit studieren.

Tja, und im zurückliegenden Jahr hat sich die Erkenntnis verfestigt, dass sich die grössten Anteile dieser düsteren Zukunftsvisionen aus dem vorigen Jahrtausend mittlerweile verwirklicht haben. Nicht die plakativen Szenen, sondern die Schilderung von Chaos, Anarchie und verkommenen, maroden und abgewirtschafteten Systemen.

Lappland ist ja ein bisschen wie Ostfriesland. Vielleicht erinnern sich Teile der Leserschaft noch an den alten Witz:

„Was würden Sie tun, wenn plötzlich die Welt untergehen würde?
Schnell nach Ostfriesland umziehen, denn da geschieht alles immer erst 50 Jahre später.“


Auch hier unterm Polarkreis haben wir manchmal diesen Eindruck. Die Kleidermode z. B. befindet sich gerade im Umbruch von den 70ern zu den 80ern Jahren. Gleiches gilt für die Technikgläubigkeit (im Sinne einer Abwendung vom Glauben), die Umweltzerstörung und die angewendeten Management-Methoden.

Hat ja auch seine gute Seiten, denn oft denken wir einfach nur „Aha“ und erinnern uns, wie wir das aus früheren Zeiten schon so kennen. Andererseits ist das gleichzeitig auch ziemlich bedrückend, denn wir wissen ja, wo es mit grösster Wahrscheinlichkeit hinführen wird. Ein anderer Auswanderer hat die Region Lappland neulich als ein „grosses lebendes Museum“ bezeichnet.

Aber die globalen Trends (siehe Einleitung) erstrecken sich auch bis nach Nordschweden. Durch den Abstand zur pulsierenden Gesellschaft in den südlicher gelegenen Ballungszentren, nehmen wir sie - wie systemfremde Beobachter - vielleicht einfach nur viel deutlicher wahr. In diesem Sinne ist der Rückblick auf das vergangene Jahr sehr von dem Eindruck „Willkommen in der - bereits bekannten - Zukunft geprägt“.

In der näheren Umwelt erleben wir Mittelkürzungen allerorten. Die Finanzierung der öffentlichen Hand ist nicht mehr ausreichend vorhanden und das was noch da ist, wird für die falschen Sachen ausgegeben. Die Kommunen legen einen Bereich nach dem anderen still. Das Gesundheitssystem befindet sich in einer Dauerkrise, die Zustände in Alten- und Pflegeheimen sind katastrophal. Und in diesem Jahr hat das „grosse Sparen“ auch bei den Schulen angefangen. Die Verwaltungen werden „durchdigitalisiert“, was a) nicht funktioniert und b) zur weiteren völligen zwischenmenschlichen Erkaltung führt.

Bodenschätze und Rohstoffe werden weiter und in zunehmendem Umfang weiter rücksichtslos ausgebeutet.

Für „Otto-Normalverbraucher“ wird es immer schwerer, einen - wenn auch kleinen - Raum der „Normalität“ zu bewahren, denn die Tentakel einer gefühlten und erlebten Krake dringen bereits in fast alle Lebensbereiche vor.

Kurz: Nach altbewährtem - und uns bekanntem (siehe oben) Schema - wird bei denen gespart, die sich nur am schwersten wehren können oder die bei der nächsten Wahl noch nicht oder nicht mehr werden mitwählen können. Die Solidarisierung in der Bevölkerung und der Gesellschaft werden verhindert, wie und wo es nur geht.

Tipp: Wer immer sich mit dem Gedanken ans Auswandern nach Nordschweden (oder irgendwo anders hin) trägt, möge bitte die rosarote Brille abnehmen und der Realität ins Auge sehen.

Beispiel gefällig?

Wenn du einen Hund oder Katze deinen Mitbewohner nennst und das Tier erkrankt, so konsultierst du einen Veterinär. Dieser "heilt" dein Tier und du weisst, schon beim Kauf des Tieres, dass solch eine Situation auf dich zukommen kann. Du hälst somit die finanziellen Mittel bereit. Zumindest teilweise.

Hier in Schweden wird der Tierarzt aufgesucht, wenn du kein Geld für die Therapie hast. Der Arzt ist nicht mehr der Helfer gegen die Krankheit des Tieres, damit Mensch und Tier noch weiterhin gemeinsam den Lebensweg beschreiten können, sondern wird zum "Erlöser" - für den Geldbeutel des Menschen.

Denn zu 99% ist eine Behandlung zwar machbar, aber der Tierbesitzer nicht einsichtig genug. Für ihn muss ein Tier gesund sein („funktionieren“). Erfüllt es diese Forderung nicht, wird es eingeschläfert. Für diesen Akt hat der Halter das Geld - für ein paar Tabletten oder Spritzen, die dem Tier wieder ins Leben helfen, nicht.

Funktionalität auf allen Ebenen ist gefordert! Na! Immer noch rosarot blickend?

Möglicherweise ist das alles aber nicht nur eine Zustandsbeschreibung Nordschwedens, sondern eine Zustandsbeschreibung der gesamten zivilisierten Welt.

Auf der persönlichen Seite gab es im abgelaufenen Jahr bei uns durchaus auch einige schöne und auferbauende Geschehnisse. Unsere Freunde wissen, wovon ich schreibe, und ich muss das hier gar nicht weiter ausbreiten.

Zusammenfassend war das Jahr 2019 eigentlich „wie zu erwarten“, wenngleich zum Jahresbeginn die Hoffnung bestanden hatte, die negativen Entwicklungen könnten teilweise sich wenden, oder sich zumindest verlangsamen.

Aber - wie heisst es so schön - die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, also hoffen und wünschen wir uns für 2020, dass sich die Entwicklungen teilweise wenden, oder zumindest verlangsamen.

Kommt alle gut in das neue Jahr!

Digitales Feuerwerk in Lappland zum Jahreswechsel 2019-2020
Bitte, bitte: Ein rein digitales Feuerwerk reicht völlig!
Lasst den Quatsch mit Raketen und Böllern: Denkt an die Tiere!
(Und wenn Euch das egal ist, dann denkt insoweit meinetwegen ans Klima...)
Aber lasst das Feuerwerk bleiben!

Familie Pinguin auf Reisen, oder: wie pädagogisch wertvoll sind heute Spielsachen?

Da ist uns über Weihnachten ein Übi-Ei (neudeutsch: Ü-Ei, sehr altdeutsch: Kinder Überraschungs Ei) in der Grösse XL ins Haus geflattert.

Die Schokolade, die ein aus Plastik bestehendes Spielsache umhüllt, ist vermutlich nicht ganz so gesund, doch sie würde nach Frau Lapplandblogs Aussage, wie früher schmecken.

Der Inhalt des Überraschungseis aber brachte uns ziemlich zum Staunen.

Die Rückseite des „Beipackzettels“ aus dem Übi-Ei
Die Rückseite des „Beipackzettels“ aus dem Übi-Ei


Der Eisbär aus Plastik auf der Vorderseite des „Beipackzettels“
Der Eisbär aus Plastik auf der Vorderseite des „Beipackzettels“ aus dem Übi-Ei


Eine kleine Geschichte dazu:

Herr und Frau Pinguin aus den äquatornahen Galápagos-Inseln gönnen sich eine Reise welche sich Frau Pinguin zu Ihrem Geburtstag gewünscht hatte.

Der Gattins Wunschziel war der Nordpol, um die dort lebenden Eisbären besuchen zu können.

Ihr Gatte buchte so denn eine Last-Minute-Reise über Zwitscher mit Schwalben-Airline, und am nächsten Morgen landeten die beiden in der Arktis.

Das Igluhotel indem das Ehepaar untergebracht war, machte mächtig Eindruck auf Frau Pinguin, und nachdem sie das Zimmer für gut befand, watschelten die beiden Richtung Bärensee.

Die Sonne gab ihr Bestes, damit die Reisenden einen unvergesslichen Tag verbringen konnten. Daher mussten sich die kleinen Pinguinischen Sonnenhütchen stramm gegen die Strahlen von Frau Sonne entgegen stemmen.

Über Eisschollen, Kräuter, Moose und Flechten spazierten sie zum Bärensee. Herr Pinguin klärte seine Frau darüber auf, dass etwa fünf Prozent der Bodenfläche in der Polarwüste bewachsen sind und dass es in dieser Gegend Kältesteppen und wegen der Erdkrümmung nur wenig Sonneneinstrahlung gäbe. Interessiert hörte Frau Pinguin ihm zu.

Endlich am See angelangt bot sich ihnen ein wunderbarer Anblick!

Frau Eisbär spielte mit ihrem Sohn, der auf einem kleinen Igludach herum tollte. Vater Eisbär rutsche bäuchlings den Gletscher herunter und Opa gönnte sich im Liegestuhl einen Lachanfall. Er las nämlich soeben das aktuelle Feuilleton in dem "Blatt der kalten Wüste", das von dem neuen Jungautor Frido Frier bedient wird.

Oma Eisbär räkelte sich wie jeden Dienstag in der Wanne auf der Scholle und genoss die Sonne bei ihrem Bad.

Ende der Geschichte. Schwenk zur heutigen Realität.

Leider ist diese an die Zielgruppe Kinder gerichtete Szenerie in den aktuellen Überraschungseiern gänzlich aus Plastik gebaut.

Die Gebrauchsanleitung und Warnhinweise sind auf Hochglanzpapier gedruckt.

Plastikspielzeug verniedlicht eine wegen eben desselben aussterbende Spezies und einen im Verschwinden begriffenen Kontinent.


Wie pervers ist das eigentlich?

Die Verantwortlichkeit für die Umweltschädlichkeit dieses Plastikspielzeuges liegt bei der Industrie, die solchen Schrott herstellt. Die Industrie wäre gut beraten, ihren Kunden umweltfreundliche Alternativen anzubieten! Denn wenn es die Kunden und Verbraucher schnallen, was da eigentlich vor sich geht, werden sie sich dem Kauf entziehen.

Scheint ein richtiges „Gretanisches Übi-Ei“ (oder ein trojanisches?) zu sein, dass sich da als kleine Aufmerksamkeit zu uns verirrt hat.

Das wird den Herstellern nicht gefallen, denn das oberste Ziel des marktwirtschaftlichen Strebens ist doch ewiges Wachstum (was immer das heissen mag, denn sogar die Theologie hat so ihre Probleme mit der Begriffsklärung, was denn eine Ewigkeit eigentlich ist).

Sollte dieser Beitrag von einem Verantwortlichen aus dem Kreise der Hersteller gelesen werden, so sei dieser gebeten eine Mail mit der Erklärung von "Ewigkeit" (aus dem Motto der Industrie "ewiges Wachstum“) zu verfassen.

Dann würden wir auch gerne wissen, was denn die Industrie zu tun gedenkt, um den Widerspruch zwischen Plastikspielzeug, deren Bildergeschichten und der politischen Wirklichkeit des Klimawandels aufzulösen.

Scharen von Kindern und Jugendlichen glauben schliesslich an den politischen Klimawandel und die Aussage „Wir sterben alle am Klimawandel“. Der Inhalt des Übi-Eis kann also Kindern und Jugendlichen schwere psychologische Schäden zufügen.

Denn so manches Kind sitzt sogar beim Therapeuten, wenn es die Lüge der Erwachsenen aufdeckt, dass es keinen Weihnachtsmann gibt. Wie schlimm wird es dann erst werden, wenn sie wegen des Klimawandels beim Therapeuten sitzen (denn nicht jeder kann gleich Greta werden)?

Die Therapien wegen des Wahnvorstellung eines Sterbens aufgrund des politischen Klimawandels ist Utopie?

Naja.

Weil es so schön zum Thema passt: „Wir müssen anfangen Babies zu essen" - Klimakonferenz gerät ausser Kontrolle (englisch mit deutschen Untertitel).

Das Ding mit den Weihnachtskarten

Zum Advent und zu Weihnachten noch eine Nachlese für alle, die sich mit dem Gedanken ans Auswandern beschäftigen (oder ihre alte Heimat erst vor kurzem verlassen haben).

Eine Binsenweisheit: Auswandern bedeutet weggehen und woanders ankommen. Der Kontakt zur Familie, zu alten Freunden und Bekannten dünnt sich im Laufe der Zeit aus. Das ist an und für sich ein ganz natürlicher Vorgang und gar nichts besonders Merkwürdiges.

Kurz nach einer Auswanderung wollen Dich noch viele Menschen (vornehmlich „lose“ Bekannte und „entfernte“ Verwandtschaft) besuchen, um sich einen netten Urlaub mit Vollversorgung zu erschleichen und ihre Neugierde zu befriedigen.

Deine Entscheidung, ob Du Dich darauf einlässt. Bedenke, was Du tust.

Der Flurschaden, den die Scharen von Besuchern oft hinterlassen, kann beträchtlich sein. Am besten ist es, wenn Du von vornherein klar stellt, dass es Taxis für die Abholung vom Flugplatz und ein nettes Hotel in angemessener Nähe gibt.

Natürlich gibt es auch die Handvoll Menschen, auf die man sich, bzw. auf deren Besuch man sich wirklich freut. Investiere in diese Beziehungen, damit Sie unter dem räumlichen Abstand nicht leiden.

Dann gibt es da so Dinge wie Geburtstags-, Weihnachts- und Neujahrswünsche. Und da möchten wir heute mal aus dem Nähkästchen plaudern.

Vorab: Die folgende Schilderung ist völlig ohne Wertung und ohne Emotionen. Es geht schlicht um Fakten.

Über die mittlerweile fast 15 Jahre hinweg waren wir immer fleissige Weihnachtskartenschreiber. Allen Portoerhöhungen und dem nicht unerheblichen Zeitaufwand zum Trotz, haben wir über all die Jahre jährlich ca. 40-50 private Weihnachtskarten in alle Welt versendet. Vornehmlich nach Deutschland.

Doch die Zahl der Rückläufer hat sich von Jahr zu Jahr verringert. Deswegen haben wir dieses Jahr den Entschluss gefasst, dass es keine Weihnachtskarten mehr gibt. Ganze zwei Weihnachtskarte sind bei uns dieses Jahr aufgeschlagen, eine von befreundeten Schweden und eine von einer anderen Auswandererfamilie. Dazu kommen noch zwei Emails und natürlich etliche Grüsse via Facebook (die aber wegen des nicht vorhandenen Zeit- und Energieeinsatzes hier nicht zählen).

Eingehende Weihnachts- und Neujahrswünsche? Also weitgehend Fehlanzeige.

Stattdessen erreichen uns und gerade zur Adventszeit viele Mails mit Hinweisen auf diverse Schlechtigkeiten in dieser Welt.

Ist es die Hilflosigkeit der Absender, weil sie nicht selbst aktiv werden wollen? Warum werden wir so gerne als psychischer Mülleimer benutzt?

Auf der einen Seite heisst es in den Medien, die Nutzung des Internets schade dem Klima, weil durch den immensen Energieverbrauch zu viel CO2 ausgestossen würde. Die fleissigen Mailschreiber scheint das aber nicht zu interessieren.

Andererseits schreibt anscheinend niemand mehr Postgrusskarten und verschickt sie, wahrscheinlich weil deren Transport angeblich auch das Klima schädigen würde.

Vielleicht ist dem Nicht-Absender der Kartenempfänger es nicht mehr "wert" weil das Schreiben einer Grusskarte dem Absender Arbeit und Mühe bereitet.

Postversand und Internetnutzung sollen Klimaschädlich sein.

Netter Widerspruch, schon einmal darüber nachgedacht?

Oh - eine andere Sache kommt auch noch hinzu. Sehr viele Grusskarten werden - wie auch viele andere Dinge des täglichen Gebrauchs - in China hergestellt.

Vor einigen Tagen ging es gerade durch die Medien (Link):

Weihnachtskarten der britischen Supermarktkette Tesco werden anscheinend von ausländischen Häftlingen in einem chinesischen Gefängnis hergestellt und verarbeitet: Ein sechsjähriges Mädchen hatte beim Schreiben einer Karte einen Hilferuf erhalten.

Die Briten zwingt das zum Blick hinter die Kulisse der Weihnachtsidylle.

Uns vielleicht auch?

Das Ding mit den Weihnachtskarten

Frohe Weihnachten aus Lappland!


Allen Leserinnen und Lesern, die noch „old school“ sind,
sei hiermit „Frohe Weihnachten!“ gewunschen.

Allen anderen: Viel Spass beim Konsumieren und Streiten.

Frohe Weihnachten! aus Lappland 2019

Lappland „dressed in white“ und der längste Tag des Jahres

Die „Schneehöhennormalisierung“ in Lappland ist wieder hergestellt. Wie in jedem Jahr hatte auch dieser Winter wieder einen unnormalen Verlauf. Dieses Jahr gab es bislang viel zu wenig Schnee. Aber in den letzten Tagen hat der (meteorologische) Himmel seine Pforten weit geöffnet. Das Schneeniveau sich wieder normalisiert und die Schneehöhe hat sich nun der Langzeitstatistik angepasst. Weisse Weihnachten mit reichlich Schnee in Lappland also.

Einen schönen Nebeneffekt hat die weisse Pracht. Es herrscht eine deutlich hellere Grundstimmung. Die omnipräsenten Schneeflächen reflektieren jede Lichtquelle, was z. B. das Autofahren deutlich angenehmer und sicherer macht. Schliesslich war der heutige Sonnenaufgang bei uns erst um 10.01 und der Sonnenuntergang schon um 13.24. In Lappland ist es also derzeit im Wesentlichen dunkel. Und da wird jede Aufhellung dankbar angenommen.

A propos Licht: Noch vor einigen Jahren - wir hatten verschiedentlich im Blog berichtet und bebildert - waren in der Advents- und Weihnachtszeit an fest jedem Haus hier in Nordschweden noch viele bunte Lichterketten, geschmückte Christbäume und allerlei Weihnachtsdeko zu sehen. Die Alterspyramide und die kulturellen Veränderungen zeitigen leider auch hier ihre Auswirkungen. Der Lichterschmuck hat stark abgenommen und weihnachtliche Symbolik ist beinahe ganz verschwunden. Kein Wunder in Anbetracht der fast vollendeten Entchristianisierung Schwedens.

Dezember 2019 - Lappland „dressed in white“
Dezember 2019 - Lappland „dressed in white“

Advent, Advent - Finde die Fehler

An den Adventssonntagen jeweils eine (weitere) Kerze zu entzünden, ist eine alte Tradition. Und überhaupt ist die Adventszeit von Kerzen und Licht geprägt.

Aber auch hier ändern sich die Zeiten. Zwar geht es immer noch ums Licht, aber bei dieser Kerze bin ich dann doch sehr ins Stutzen geraten. Irgend etwas stimmte da nicht.

Aufgabe an die geschätzte Leserschaft: Finde den Fehler.

Eine Kontradiktion: Brennende Kerze ohne Flamme
Eine Kontradiktion: Brennende Kerze ohne Flamme


Na ja, ob es ein Fehler ist, hängt vom jeweiligen Standpunkt des Betrachters ab (den der bestimmt bekanntlich den Assoziationsraum). Wer sich um den Fortbestand der Welt (Stichwort: Klima) Sorgen macht, der muss natürlich auch CO2-produzierende Kerzen von der Bildfläche verbannen. Deswegen brauchen wir jetzt nicht nur E-Autos, sondern natürlich auch E-Kerzen. Die haben kleine Akkus eingebaut, die ausschliesslich mit „grünem Strom“ (aus der Steckdose und nicht aus dem AKW oder gar Kohlekraftwerk) gespeist werden.

Ja, natürlich ist auch die Brandgefahr geringer. Stimmt schon. Aber setzt man das Teelicht in eine gescheite Lampe, ist die Feuergefahr so gut wie gebannt.

Aber egal, jetzt ist zum Wohle und Schutze des Klimas das Zeitalter der E-Lampe angebrochen. Hier in Schweden sind dieses Jahr fast überall nur noch diese E-Kerzen zu sehen. Man möge mich bitte aufklären, ob dieser Trend auch in good old Germany besteht. Ich halte ihn jedenfalls im Allgemeinen für ziemlich bescheuert. Die tiefe Symbolik ist dahin. Versteht aber wahrscheinlich ohnehin so gut wie niemand mehr. Egal.

Ich habe mich natürlich erkundigt und was mich da noch mehr verwundert hat: Das „klimaneutrale Adventskerzenset“ wird im Sechserpack verkauft. Sechs Kerzen zum Advent? O tempora o mores...

Das „CO2-neutrale“ Adventskerzenset im Sechserpack
Das „CO2-neutrale“ Adventskerzenset im Sechserpack


Das führt uns zu einer Denksportaufgabe: Was machen wir nun eigentlich bei einem Stromausfall? Erraten, die richtige Antwort heisst „Das Notstromaggregat anwerfen“. Gut, aber Notstromaggregate laufen mit Benzin oder Diesel. Ein klares No-Go. Aber auch dafür gibt es eine klimafreundliche Alternative: Wir stellen einfach auf E-Notstromaggregate um. Und wenn deren Batterie leer ist, speisen wir sie aus der Steckdose. Ist doch alles so einfach, oder?

Aufgabe an die geschätzte Leserschaft: Finde den Fehler.

Mit diesen tiefgründigen Gedanken wünschen wir einen besinnlichen vierten Advent und einen geruhsamen Konsumendspurt auf Weihnachten hin.

Mal wieder was fürs Herz: Winterliche Sonnenuntergangsstimmung

Winterlandschaft in Lappland Dezember 2019
Winterlandschaft in Lappland

Meckes und so - Gedanken über das Auswandern und wie die Zeiten sich ändern

Ein nicht zu unterschätzender Faktor: Die Geschmacksnerven sind bei Auswanderern eine heikle Sache. Wenig prägt Menschen schon von früher Kindheit und Jugend an so sehr, wie Essensgewohnheiten und Geschmackswahrnehmungen.

Vor einigen Tagen waren wir sehr lange unterwegs.

Das Wetter hatte sich von der übelsten Seite gezeigt: binnen 24 Stunden war das Thermometer von Minus 20 Grad auf Null Grad gestiegen. Garniert wurde das Ganze mit Nieselregen.

Das Ergebnis waren spiegelglatte Strassen den ganzen langen Tag über. Normalerweise bleiben wir bei solchem Wetter schlichtweg zu Hause, aber ein sehr wichtiger Termin stand an. Nach zwölf Stunden Fahrt waren die mitgenommenen Butterbrote verzehrt und unser Magen begann heftig zu knurren.

Gar nicht einfach gegen 20 Uhr abends entlang der E4 ein Restaurant oder einen Kiosk zu finden. Und die, die es gibt, bedienen nicht unbedingt unsere von der Nahrungsmittelindustrie schon in früher Kindheit sozialisierten Geschmacksnerven.

Auf der E4 aus Umeå kommend rollen wir dann so - in Anbetracht der spiegelglatten Strasse - gebührend langsam den Hügel nach Skellefteå hinab. Am Horizont zeichnet sich das Stadtbild ab. Eine gold-gelb schimmernde Leuchtreklame weckt unbewusst ein Gefühl.

Plötzlich das Gefühl einer Zeitreise.

Damals in den Neunzigern war ich Repetitor bei einem juristischen Repetitorium.

An den langen Tagen waren die Vorlesungen vormittags in Mannheim angesetzt und nachmittags in Heidelberg. Viel Zeit für die Nahrungsaufnahme gab es an diesen Tagen nicht, denn zwischen den beiden Vorlesungen lagen nur eineinhalb Stunden.

Wer sich noch an den Stadtverkehr im Grossraum Mannheim/Heidelberg in den Neunzigern erinnert, weiss, dass alleine die Fahrt über eine Stunde gedauert hat.

Die Mittagspause fand dann also immer im Schnellverfahren vor dem Nachmittagskurs statt:

Beim „Golden M“, wie wir ihn damals nannten. Praktischerweise waren der Lehrsaal des Repititoriums im Gebäude direkt nebenan. Das ist zwar jetzt schon 25 Jahre her, aber es hat die Geschmacksnerven geprägt. Und diese bestimmte Art des Essens (von der ich jetzt nicht in Abrede stellen will, dass sie vermutlich ziemlich ungesund war und ist) hat auch bestimmte Essensrituale geprägt, z. B. . das Zerknüllen des Papiers, in das der Burger eingewickelt war.

Zeitreise zurück ins Jahr 2019.

Da leuchtet dieser „weltumspannende“ Schriftzug und hat eine magische Anziehungskraft.

Denn die Erfahrung hat uns gelehrt: "Egal, wo Du Dich auf der Welt befindest, das Essen beim "güldenen M" schmeckt überall gleich!"
(und ist mit Köttbullar in sog. Sahnesauce nun wirklich nicht zu vergleichen).

Gesagt, getan, mit einem eleganten Schwung auf dem vereisten Parkplatz das Auto eingeparkt.

Langsam gleiten unsere Schuhsohlen auf der Eisbahn hin um sodann erwartungsvoll und mit getragenen Schritten in die „heiligen Hallen“ einzutreten. Von den Enkeln habe ich im Sommer übrigens gelernt, dass das "goldene M" im jugendlichen Sprachgebrauch jetzt „Meckes“ heisst.

Man muss ja gebildet bleiben.

Ein Kulturschock trifft uns sogleich mit einem grossen Bumms. Der Laden ist niegelnagelneu und wurde erst im September eingeweiht. Alles vom Feinsten und toppmodern. In der „guten alten Zeit“ gab es so eine Theke mit Kassen dahinter. Über der Theke waren Leuchttafeln angebracht, auf denen die Schnellgerichte und deren jeweilige Einzelkomponenten aufgeführt waren. Vergeblich blickten wir zur Theke (die immerhin noch als Warenausgabe existiert).

Da gibt es keine Leuchtschilder, keine Kassen mehr.

Hinter der Eingangstür stehen aber mehrere überdimensionale Säulen mit eingelassenen Bildschirmen, auf denen Speisen und Gerichte in Form von Bildern zu sehen sind. Übermüdet wie ich war, habe ich wohl einen ziemlich hilflosen Eindruck gemacht, als ich da so staunend herum gestanden bin.

Eine ziemlich junge Mitarbeiterin kam mit leichten Fuss heran, um sich im - gefühlt: mitleidigen - Tonfall zu erkundigen, ob sie mir den helfen könne. Oh ja, antwortete ich, ich wolle eigentlich nur etwas bestellen. Chicken Mc Nuggets sollten es sein. Sie meinte, die wären doch da auf dem Schirm zu sehen. Ja entgegnete ich, aber das seien 6 Stück und ich würde gerne die 20`er Packung bestellen.

Daraufhin blickte Sie mich wie einen vertrottelten Greis an und machte mit ihrer linken Hand eine schwungvolle Wischbewegung auf dem Display um mir damit zu erklären, wie das Displaysystem funktioniert.

Ein kurzer Blick zu Frau Lapplandblog, die schon in der Nähe einen Tisch für uns in Beschlag genommen hatte, reichte mir. Ihr Kreisgrinsen im Gesicht war unübersehbar!

Mein Blick traf wieder auf das übergrosse Display der vor mir stehenden leuchtende Säule.

Aha, langsam dämmerte es mir, dass dieses Ding wie die Oberfläche eines Mobiltelefones funktioniert. Und - ungewöhnlich engagiert - wies die junge Frau mich sogleich im freundlichen Tonfall darauf hin, dass auf der rechten Seite der Schlitz für die Konto- oder Kreditkarte sei.

Sie würden nämlich kein Bargeld mehr akzeptieren.

Einige Minuten später war wir dann mit dem erstandenen Essbaren wieder auf dem Weg zum Auto. Und eine Viertelstunde später ging es in den Endspurt gen unserer steinzeitlichen Heimat.

Für die letzten 150 Kilometer haben wir noch einmal zweieinhalb Stunden gebraucht, was mir die ausführliche Gelegenheit gegeben hat, über die Zeit in der wir leben, nachzudenken.

Fakt ist, dass das ungesunde Essen nach dem Masstab der Erinnerung wie früher geschmeckt hat (und auch dasselbe „wohlige Glücksgefühl“ hervor gerufen hat).

Fakt ist aber auch, dass mir die zwischenmenschliche Komponente der Bestellung „über den Tresen“ gefehlt hatte (und ich von der bargeldlosen Gesellschaft gar nichts halte).

Wieder im kleinen Dorf angekommen habe ich mich - völlig am Ende - dann aber sehr gefreut, wieder in den gefühlten 50er Jahren angekommen zu sein.

Ende des Zeitreisetages.

Nein. Nicht ganz.

Am nächsten Tag sass die Familie um den Tisch herum und ich erzählte mein Meckes Erlebnis vom Vortag. Nach einer kleinen Pause nach der Erzählung sagte unser Enkel trocken:

"Ja, Opa, jetzt wirste halt alt!"

Der neue Meckes in Skellefteå
Ein Schriftzug, der Gefühle weckt - sogar durch den Eisregen hindurch :)