Berlin 1945: Robert Capas Fotografien zu Rosch Haschana

In einem Blog, das sich u.a. mit der Fotografie befasst, muss Robert Capa nicht vorgestellt werden (und wer ihn nicht kennt, schaut bitte hier). Von Robert Capa stammen einige der eindrücklichsten Bilder aus dem Kontext des Krieges.

Kurz nach dem Kriegsende war er im August 1945 in Berlin, und hat die damalige Stadt in Trümmern und die Menschen darin dokumentiert. Doch wenige wissen bislang, dass er dabei auch dass erste jüdische Neujahrsfest in Berlin nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes und der Schoah mit der Kamera einfing.

Dazu gibt es in der Neuen Synagoge in Berlin vom 10.09.2020 bis zum 09.05.2021 die Ausstellung „Robert Capa - Berlin Sommer 1945“.

In der Ausstellung werden 120 ausgewähle Bilder gezeigt.

Im Begleitband zur Ausstellung gibt es neben einer Auswahl von Bildern auch verschiedene Essays.

Etwas mehr Hintergrund zum Lesen und Nachhören gibt es hier beim Deutschlandradio Kultur. Beim ARD gibt es eine kleine Bildstrecke, die einen Vorgeschmack auf die Ausstellung gibt.

Den Film von der Eröffnung der Ausstellung Robert Capa - Berlin Sommer 1945 gibt es auf YouTube:



Blogsterben - Das Aussterben der Fotoblogs

In den zurückliegenden zwei Wochen wurden wieder zwei Fotoblogs von Weltklasse zu Grabe getragen:

Das Blog von Ming Thein (für immer) und das Blog von Kirk Tuck (bis auf weiteres).

Etwas Wehmut ergreift mich schon, wenn sich zwei weitere der fotografischen Schwergewichte abmelden.

Nichtssagende, beständig nachplappernde und nur am reinen Produktmarketing ausgerichtete Fotoblogs gibts es nach wie vor mehr als genug. Nur die Anzahl derer, die wirklich etwas von Gewicht mitzuteilen haben, wird immer kleiner und lässt sich mittlerweile schon an zwei Händen abzählen.

Vielleicht liegt es daran, dass das Format des Blogs sich in Zeiten der „Internet-Schnellimbisse“ (sprich: sozialer Medien) überholt hat. Wer ist noch willens (und in der Lage) längere Texte zu lesen, mitzudenken und Gelesenes ohne selbst errichtete Vorurteile auch zu durchdenken?

Kurz: Die „Instant-Kultur“ ist erfolgreich dabei, die Kultur als solche zu vernichten.

Einfach ablesbar ist das an den Zugriffszahlen eines Blogs. Mit wem man auch spricht, bei allen seriösen Bloggern alten Schlages sind die Zugriffszahlen im konstanten Sinkflug. Selbst haben wir Google-Analytics mit dem Inkrafttreten der DSGVO ganz von der Seite verbannt und es interessiert uns nicht mehr, wie viele Zugriffe wir haben. Andere Blogger, die auch Werbeeinnahmen zur Finanzierung ihres Aufwandes erzielen wollen, trifft ein Einbrechen der Besucherzahlen mitunter hart.

Nein, das soll kein Klagen sein, vielleicht aber eine Art Abgesang.

Was mir bei vielen Bloggern, die ihre Blogs schlafen legen (oder sterben lassen) auffällt, ist der Satz, dass es „nichts mehr zu Bloggen gebe“. Vieles von dem, was es noch zu bloggen gäbe, darf man nicht mehr bloggen, denn bloggt man über brisante Themen wird man in eine bestimmte politische Ecke gepeitscht, so dass die Leserschaft schon aus Angst an dem betroffenen Blog „vorbei liest“ und ihn nicht mehr aufruft.

Gerade in der Fotografie sind die Themen ausgelutscht, es sei der Streit von Tiefenschärfe versus Schärfentiefe, oder was es da noch so alles gab in der Vergangenheit.

Einfaches googeln liefert hunderte von Resultaten für alle gängigen Probleme und Streitfragen. Wir brauchen also nicht wirklich noch ein Tutorial zur BlaBlaBla-Frage.

Und wer trotzdem noch ein Tutorial veröffentlichen möchte, der tut das mittlerweile in einem leicht verdaulichen Format auf YouTube (und verliert damit auch gleich noch die Kontrolle über den eigenen Content). Die Kunst des Lesens scheint ja nicht mehr so verbreitet zu sein (Stichwort: Kulturabwicklung). Die Entwicklung erinnert etwas an die biblische „Schrift an der Wand“ (Die Bibel, Buch Daniel, Kapitel 5, wer es nachlesen möchte).

Ganz ehrlich gesagt, empfinde ich das auch mehr und mehr bezogen auf die Themen dieses Blogs. Deswegen hat sich die Häufigkeit von Postings hier auch verringert. Wir bloggen nur noch, wenn es wirklich etwas gibt, das uns am Herzen liegt (Qualität statt Quantität und ein Nischenblog für Kenner und Geniesser). Für die Standardthemen gibt es die Suchfunktion, denn alles, was wirklich wichtig ist, gibt es hier (oder anderswo) schon.

Wir sind auch nicht die unbezahlten Animateure für einsame Surfer, die sich im Netz Spass holen wollen und wir lassen uns, sofern wir kritische Artikel veröffentlichen, nicht in eine bestimmte politische Ecke schieben (Stichwort: Liebe zur Wahrheit).

Alte Wahrheit bewahrheitet sich auch hier wieder einmal: Alles hat seine Zeit.

Und nein, noch liegt das originale Lapplandblog nicht auf der Bahre.

Auch Vergänglichkeit kann
Auch Vergänglichkeit kann schön sein

RAW Power für Mac OS X und iOS

Über die Vorzüge von RAWs („digitale Negative“) gegenüber von JPGs direkt aus der Kamera („endgültiges Bilder“) ist - auch hier - schon hinreichend viel geschrieben worden, und ich will auch keinen (erneuten) Glaubenskrieg in dieser Frage entfachen. Jeder nach seiner façon.

Meine Philosophie ist bekannt: Wenn es um schnelle dokumentarische Schnappschüsse geht, bin ich mit JPGs vollauf zufrieden. Wenn es um Bilder geht, die über den schnellen Schnappschusss hinaus gehen, darf es RAW sein. Mittlerweile bieten ja bekanntlicherweise auch schon die RAWs aus neueren iPhones erhebliches Potential.

Für die Entwicklung und Bearbeitung von RAWs gibt es mittlerweile etliche kommerzielle und freie Anwendungen. Der bekannte Platzhirsch aus dem Hause Adobe ist sehr leistungshungrig und hat bereits vor einiger Zeit auf ein Abomodell umgestellt. Beides gefällt mir nicht.

Viele der freien Alternativen sind mittlerweile sehr ausgereift, erfordern aber einen hohen Einarbeitungsaufwand.

Die leuchtende Ausnahmeanwendung war Aperture aus dem Hause Apple, das aber 2014 beim Erscheinen von Mac OS X 10.10.2 und dem Versionsstand 3.6 eingestellt wurde.

Der offizielle Nachfolger Photos, der seitdem ein originärer Teil von Mac OS X ist, kann dem Vorgänger bei weitem nicht das Wasser reichen. Damit hat sich Apple selbst aus dem Rennen geschossen. Viele Fotografen haben Aperture bittere Tränen nachgeweint. Die Konkurrenz hatte schnell nachgelegt und eine kostenlose Migrationssoftware für Adobe Lightroom, bzw. Capture One bereit gestellt, damit Neukunden möglichst bequem eine Aperture-Bibliothek mit Fotos und Metadaten importieren konnten. Und so verschwand die seinerzeit führende RAW Software in den Annalen der Fotogeschichte.

Ganz Gallien? Nicht ganz, denn Nik Bhatt, einer der leitenden Entwickler, der bei Apple u.a. für die Entwicklung von von Aperture und iPhoto verantwortlich war, hat sich 2015 von Apple getrennt und 2016 eine eigene Softwareschmiede gegründet, die auf den charmanten Namen Gentlemen Coders hört und sich der Entwicklung einer Software zur Bearbeitung von RAWs in der Tradition von Aperture verschrieben hat. Und die hört auf den Namen „RAW Power“, womit wir beim Thema wären.

Schon der Name ist vielversprechend, steht „RAW Power“ doch für „Pure Kraft“.
RAW Power ist sowohl eine Standalone Anwendung, wie auch eine Erweiterung direkt in Photos. Neben der Desktop Anwendung gibt es denselben Funktionsumfang auch in einer gleichnamigen iOS App.

Wer früher mit Aperture gearbeitet hat, wird sich in RAW Power gleich heimisch fühlen. Im Mai dieses Jahres ist die Version 3.0 erschienen, die an Funktionalität alles bietet, was für die RAW Entwicklung vonnöten ist.

An dieser Stelle sei ein kleiner Exkurs erlaubt:

Der althergebrachte Begriff des „Post processing“ von Bildern, verschleiert als „matschiger Sammelbegriff“ nur die einzelnen Schritte der Entwicklung und Nachbearbeitung (was bei einem RAW besonders anschaulich wird).

Viel besser und von der Struktur her hilfreicher ist es, im von Mike Johnston entwickelten „C-E-R“ Modell zu denken und zu arbeiten.

Kurz zusammen gefasst:

C steht für „Correction“, also die Fortschreibung der beim Akt der Aufnahme getroffenen Wahlen (z. B. Weissabgleich, Belichtung, usw.) und die Korrektur von Standardfehlern (z. B. Wegstempeln von Sensordreck);

E steht für „Enhancement“, also die Anwendung visueller Effekte zur Verbesserung des aufgenommenen Bildes (z. B. Clarity, lokaler Kontrast, Vignettierung, usw.) und

R steht für „Reworking“, also alle Nachbearbeitungen, welche die Bildaussage als solche betreffen (z. B. Verändern von Bildelementen und Hintergrund, also das, was das klassische „Photoshopping“ beinhaltet).

Ende des Exkurses und zurück zu RAW Power:

In diesem C-E-R Prozess der Bildbearbeitung umfasst RAW Power die Stufen C („Correction) und E („Enhancement“) vollumfänglich. Die Stufe R („Reworking“) ist nach wie vor eine Domäne von Photoshop.

RAW Power enthält alle erforderlichen Werkzeuge und Tools für die RAW Entwicklung. Die Benutzeroberfläche ist robust und sehr strukturiert.

Auf iOS lässt sich im Querformat die Benutzeroberfläche individuell anpassen.

Zur iOS App ist anzumerken, dass sie (logischerweise) die gleiche Qualität wie die Desktop Anwendung liefert. Allerdings finde ich den Bildschirm von iPhone und iPad etwas suboptimal und er lässt sich auch nicht so einfach kalibrieren, wie auf dem Desktop. Unter iOS gibt es eine Integration in die weit verbreitete App Halide, mit der sich Bilder im RAW Format aufnehmen lassen (denn die Camera App in iOS kann das von Haus aus nicht).

Die Anzeige über- und unterbelichteter Bereiche ist in RAW Power sehr gelungen und die einzelnen Tools vermitteln ein feines Gefühl des „Hands-on“.

Die Tools umfassen: Histogramm, RAW Processing, White Balance, LUTs (dazu sogleich mehr), Tone, Enhance, Basic, Sharpen, Crop & Straighten, Black and White, Channel Mixer, Chromatic Aberration, Curves, Levels, Perspective und Vignette. Alle Bearbeitungen lassen sich als Preset speichern und natürlich auch kopieren und für andere Bilder individuell einsetzen.

Hinter „LUT“ verbigt sich die vornehmlich aus der Videobearbeitung bekannte Technik der Lookup-Tabellen (daher die Abkürzung LUT) bzw. Umsetzungstabellen. Eine Lookup-Tabelle ist - vereinfacht erklärt - eine Farbtabelle, welche die Farben eines Fotos als Ist-Wert mit einem Soll-Wert vergleicht. Dann ersetzt sie eine Nuance durch eine andere, sodass ein Foto eine besondere Anmutung bekommt. Damit lassen sich z. B. der „Look“ klassischer Filme oder bestimmte Stimmungen simulieren. Im Internet gibt es eine Fülle kostenloser und kommerzieller LUT-Pakete, die kaum Wünsche offen lassen.

Ich finde es sehr positiv, dass sich die Programmierer von RAW Power für eine solche, offene Lösung entschieden haben, statt eigene (generische und kostenpflichtige) Plugins anzubieten. Ab Werk wird bereits ein Bündel an LUTs mit geliefert, darunter auch eine Gruppe, die den von Fujifilm bekannten Filmsimulationen entspricht.

Sehr gut gefällt mir auch, dass entweder mit der Photo-Library oder mit individuell geöffneten Foldern im Finder gearbeitet werden kann. Persönlich verwalte und archiviere ich meine Bilder gerne selber und mit einer speziellen Anwendung. RAW Power zwingt mich - im Gegensatz zu anderen Programmen - nicht zum Import in eine (aus meiner Sicht: unnötige) Datenbank (die nur unnötigen Speicherplatz auffrisst).

Natürlich kann man Bilder bewerten und nach Bewertung sortieren.

Die Gentlemen Coders haben einen YouTube-Kanal mit zahlreichen guten und prägnanten Tutorials (sehr empfehlenswert).

Die Liste der unterstützten Kameras ist lang und entspricht der, die von Apple nativ in iOS und Mac OS X unterstützt werden. Die komplette Liste findet sich hier.

Für Handbuchleser gibt es hier das Handbuch für die iOS Version und hier für die Mac OS X Version.

Und wer sich selbst einen Eindruck verschaffen möchte, den sei die - zeitlich unbefristete - Demoversion ans Herz gelegt (die lediglich beim Export ein Wasserzeichen einfügt).

Der Kauf (kein Abo o.ä.) schlägt derzeit mit einmalig 43,99 EUR für Mac OS X und 10,99 EUR für iOS zu Buche. Ein echtes Schnäppchen.

Zusammenfassende Bewertung:

RAW Power ist mittlerweile unser Standardprogramm für alle RAW Bilder geworden. Schnell, präzise und mit sehr guter Exportqualität. Von uns gibt es eine klare Empfehlung mit 5 von 5 Sternen.

Prädikat: wertvoll und empfehlenswert.

RAW Power für Mac OS X Screenshot

Lappland: Ausflugstipp für Individualreisende und Abenteurer: Die Viktoria-Kirche (Viktoriakyrkan) in Sorsele

Auch im Sommer kommen Reisende und Touristen in Lappland voll auf ihre Kosten. Lappland mit seinen weitgehend unberührten Weiten ist ein Eldorado für alle Outdoorbegeisterten: eines der Letzten im alten Europa.

Für alle, die eine Reise erst dann als gut empfinden, sobald es kein Mobilfunknetz mehr gibt, haben wir heute einen kleinen Geheimtipp anzubieten.

Im Gebiet der heutigen Gemeinde Sorsele (Sorsele kommun) steht eine sehr weit von der Zivilisation abgelegene Kirche, quasi „mitten im Nichts“.

Die Gemeinde Sorsele markiert den Beginn der lappländischen Wildnis, denn auf einer Fläche von 7958 Quadratkilometern leben nur 2473 Einwohner (davon allein 1134 im gleichnamigen Zentralort Sorsele), was eine rechnerische Bevölkerungsdichte von 0,3 Einwohnern pro Quadratkilometer entspricht und im Ergebnis dazu führt, dass es sich nach EU-Masstäben um unbesiedeltes Gebiet handelt. Das hat natürlich auch zur Folge, dass die Einkaufsmöglichkeiten und die öffentliche Daseinsvorsorge sehr begrenzt sind. Für Touristen, die das Abenteuer suchen ist Sorsele aber ein Paradies.

Das Wegenetz ist nicht sonderlich gut ausgebaut und bereits auf den „Durchgangsstrassen“ befinden sich Massen von Schlaglöchern, die bei Regen zu einem Paddelausflug mit dem Kanu einladen. Die gerade von inländischen Touristen gerne genutzte Strasse („länsväg“) 363, die von Sorsele bis ins Fjäll nach Ammarnäs führt, ist seit Jahrzehnten Gegenstand öffentlicher Debatten.

Während die Verkehrsteilnehmer sich im Prinzip ständig über den sich immer mehr verschlechternden und schlicht katastrophalen Strassenzustand beklagen, verweist das staatliche Trafikverket, dem der Unterhalt der Wege obliegt, beständig darauf, dass die Strasse so wenig befahren sei, dass sich eine Renovierung nicht lohne. Die KfZ-Werkstatt in Sorsele und der Reifenhändler freuen sich über diesen Beschluss.

Um unser heutiges Ziel zu erreichen, müssen wir auf eine noch abseitigere Strasse, nämlich die Verbindungsstrasse von Sorsele zur E45 in Richtung Slussfors. Eine unglaublich malerische Strasse, die sagenhafte Panoramen über die unberührte Natur zu bieten hat. Geteert war sie einmal, denn vom Strassenbelag ist an manchen Abschnitten nicht mehr viel übrig geblieben. Wellen und Schlaglöcher wechseln sich mehr oder weniger ab. Wir wundern uns immer wieder, dass viele einheimische Verkehrsteilnehmer dennoch mit 100 km/h über diese Piste rasen. Das ist nicht ohne, denn die unberührte Natur birgt das Risiko zahlreicher Wildwechsel. Hier kreuzen Elche, Rentiere, allerlei Kleinvieh und mit etwas Glück auch Bären die Strasse.

Etwa 50 Km hinter Sorsele überquert die Strasse den nördlichen Teil des Juktån Flusses (sog. „Övre Juktån“). Der insgesamt 177 Km lange Juktån mündet in der Nähe von Gunnarn (bei Storuman) in den Ume-Älv (Ume-Fluss). Eine schöne Übersichtskarte über den Verlauf des Juktån findet sich hier.

Der nördliche, obere Teil des Juktån ist nicht ausgebaut und an ihm dürfen auch keine Wasserkraftwerke errichtet werden. Damit hat er sich zu einem bei Anglern sehr beliebten Gewässer entwickelt (ausschliesslich Fliegenfischen). Die Regeln rund um das Angeln und welche Angelkarten für welchen Abschnitt erforderlich sind, sind nicht ganz einfach. Wer hier eintauchen will, kann sich in dieser Broschüre näher informieren.

Ums Angeln soll es aber heute nicht gehen.

Kurz nach der Brücke über den Juktån geht es rechts ab auf eine Schotterpiste, die sich entlang des Flusses in Richtung Norden schlängelt. Der Weg ist schmal, kurvig und bergig, bietet aber immer wieder einen traumhafte Ausblicke über das Flusstal. Einige Kilometer nach der Abzweigung endet auch die Mobilfunkabdeckung und ab dieser Stelle sollte die Fahrt nur mit einem verlässlichen fahrbaren Untersatz fortgesetzt werden.

Malerische Aussicht über den Juktån auf dem Weg zur Viktoriakyrkan
Malerische Aussicht über den Juktån auf dem Weg zur Viktoriakyrkan


Der Verkehr ist ziemlich dünn in dieser Region und eine Panne kann jetzt schnell zu einem echten Problem werden. Die faktische Höchstgeschwindigkeit auf der Schotterpiste liegt bei ca 50 Km/h; wer die Strecke durch die reizvolle Landschaft aber geniessen will, dem sei ein deutlich gemächlicheres Tempo ans Herz gelegt.

Nach ca. 25 Km endet die „offizielle Strasse“, d.h. der Weg wird zum Privatweg, für dessen Unterhalt Staat und Land nicht mehr verantwortlich sind. Praktisch bedeutet das, dass der Weg jetzt nur noch aus Schlaglöchern besteht und zudem deutlich schmäler ist.

Das dankenswerterweise nur äusserst selten notwendige Ausweichen bei entgegen kommenden Fahrzeugen wird zur echten Herausforderung und es scheint als ob der Weg kein Ende nehmen wolle.

Am Horizont zeichnet sich majestätisch das Fjäll ab und die Wälder entlang der Strecke haben sich in einen undurchdringlichen Urwald verwandelt.

Der bessere Teil der Schotterpiste / Sorsele
Der bessere Teil der Schotterpiste


Von der Abzweigung der Strasse von Sorsele nach Slussfors ab gerechnet, sind es insgesamt 42 Km abenteuerliche Schotterpiste bis zu unserem heutigen Ziel und es ist leicht, das Ziel schlicht zu verfehlen, denn das Hinweisschild ist schon stark verwittert und der recht kleine Parkplatz ist unauffällig.

„Viktoriakyrkan“ steht auf dem verblichenen Holzschild. Nur von einer Kirche ist erst einmal weit und breit nichts zu sehen. Jetzt geht es also auf den Trampelpfad durch den Urwald.

Bevor wir zur Kirche gelangen, wenden wir uns aber erst einmal der Geschichte zu.

Von 1907 bis 1930 war Victoria (andere gebräuchliche Schreibweise: Viktoria) von Baden Königin von Schweden. Sie war Tochter von Fredrik von Baden und Louise von Preussen und eine Kusine von Kaiser Wilhelm II von Deutschland.

Ihr Urgrossvater war Gustav IV. Adolf von Schweden, womit sie eine Nachfahrin von Gustav Wasa von Schweden war.

Geboren wurde sie am 7. August 1862 in Karlsruhe. Ihre arrangierte Ehe mit dem Kronprinzen Gustav von Schweden erfolgte aus politischen Gründen, um die Verbindung von Schweden und Deutschland zu stärken.

Ihre bewegte Lebensgeschichte bestand mehr aus Tiefen, denn aus Höhen. Wegen ihres angeschlagenen Gesundheitszustandes verbrachte sie nach der Geburt ihres dritten Kindes die meiste Zeit ausserhalb von Schweden, bevorzugt in Italien, wo sie am 4. April 1930 auch verstarb. Mehr Details: Link 1, Link 2.

Die derzeitige Kronprinzessin Victoria hat ihren Namen übrigens im Gedenken an die damalige Königin Victoria erhalten.

Zurück nach Sorsele.

Im Jahre 1935 wurde von Anwohnern im Juktåntal die Initiative ergriffen, dort eine Kirche zu erbauen. Sie konnten den damaligen Pfarrer von Ammarnäs, Göte Haglund, für ihren Plan begeistern, obwohl der nächstgelegene Weg damals 60 Km entfernt war. Nachdem sich eine kleine Gemeinde um die Initiative gebildet hatte wurde der Pfarrer beauftragt, mit der Sammlung von Geldmitteln für das Projekt zu beginnen.

Entscheidend für die Durchführung des Projektes war eine - nach damaligem Valutawert - unglaublich hohe anonyme Einzelspende von 12.000 schwedischen Kronen die mit der Auflage, das Andenken an die verstorbene Königin Victoria zu bewahren, zugewendet wurde.

Vom Domänverket, der damaligen staatlichen Waldverwaltung, wurden das Grundstück und das zum Bau erforderliche Holz geschenkt.

Die Bauarbeiten begannen in Januar 1936 nach Plänen des bekannten Stockholmer Architekten Karl Martin Westerberg.

Der Bau war wegen des unwegsamen Geländes beschwerlich und ein mobiles Sägewerk und alles übrige Baumaterial wurden im Winter mit Pferdeschlitten über den zugefrorenen Juktån und im Sommer mit Booten transportiert.

Die Fertigstellung erfolgte zu Midsommar 1938. Seit 1947 gehört die Kirche zur Kirchengemeinde in Sorsele. Neben der Kirche wurde noch ein kleines Gemeindehaus errichtet. Es gibt dort keinen Strom und in der Kirche gibt es nur ein Harmonium und ein Bollerofen heizt das kleine Gemeindehaus.

Das Geheimnis um die Identität des anonymen Spenders wurde später übrigens gelüftet:

Es handelte sich um den früheren Leibarzt der verstorbenen Königin Viktoria, Axel Munthe, den eine langjährige tiefe Freundschaft mit Victoria verbunden hatte und der das Andenken an sie bewahren wollte.

Gottesdienstlich wird die Kirche derzeit nur noch zwei- oder dreimal im Jahr und das während der Sommerzeit genutzt, denn im Winter wird die Schotterpiste nicht geräumt und die Kirche ist dann nur mit dem Schneemobil zu erreichen.

Wir kehren zurück auf den kleinen Trampelpfad, der vom Parkplatz an der Schotterpiste zur Kirche führt. Er ist durch Farbmarkierungen an den Bäumen ausgewiesen.

Die kleine Landzunge, auf der die Kirche steht, ist nur über eine schmale freischwingende Hängebrücke zu erreichen, die sich regelrecht hochschaukelt, wenn zwei Personen gleichzeitig über die Brücke gehen.

Der Trampelpfad zur Victoriakyrkan - Die Hängebrücke
Die Hängebrücke auf dem Trampelpfad


Nichts für schwache Nerven.

Viele Menschen verirren sich nicht hierher und das macht den bezaubernden Charme und Reiz der Stelle aus. Vor Reisegruppen ist man sicher; allenfalls abenteuerlustige oder an Kultur interessierte Individualtouristen finden den Weg hierher.

Nach ca. 500 Metern gibt der Wald den Blick auf einen Kirchturm frei und es ist ein ungewohntes Bild, wenn sich ein derart imposantes Gebäude mitten im Urwald erhebt. Das Bauwerk entspricht von seiner Grösse her dem einer normalem Dorfkirche.

Der Kirchturm der Victoriakyrkan erhebt sich aus dem Wald
Der Kirchturm der Victoriakyrkan erhebt sich aus dem Wald


Es ist es eine der schönsten Aussichten, die sich einem Kirchenbesucher bieten kann. Das Verlassen der Kirche gibt den Blick auf den unberührten Juktån und das Fjäll im Hintergrund frei. Beinahe weckt die Szenerie den Wunsch, in diese ruhigen Idylle einmal einen ganzen Winter verbringen zu wollen.

Victoriakyrkan in voller Pracht
Die Victoriakyrkan in voller Pracht