Lappland: Ausflugstipp für Individualreisende und Abenteurer: Die Viktoria-Kirche (Viktoriakyrkan) in Sorsele

Auch im Sommer kommen Reisende und Touristen in Lappland voll auf ihre Kosten. Lappland mit seinen weitgehend unberührten Weiten ist ein Eldorado für alle Outdoorbegeisterten: eines der Letzten im alten Europa.

Für alle, die eine Reise erst dann als gut empfinden, sobald es kein Mobilfunknetz mehr gibt, haben wir heute einen kleinen Geheimtipp anzubieten.

Im Gebiet der heutigen Gemeinde Sorsele (Sorsele kommun) steht eine sehr weit von der Zivilisation abgelegene Kirche, quasi „mitten im Nichts“.

Die Gemeinde Sorsele markiert den Beginn der lappländischen Wildnis, denn auf einer Fläche von 7958 Quadratkilometern leben nur 2473 Einwohner (davon allein 1134 im gleichnamigen Zentralort Sorsele), was eine rechnerische Bevölkerungsdichte von 0,3 Einwohnern pro Quadratkilometer entspricht und im Ergebnis dazu führt, dass es sich nach EU-Masstäben um unbesiedeltes Gebiet handelt. Das hat natürlich auch zur Folge, dass die Einkaufsmöglichkeiten und die öffentliche Daseinsvorsorge sehr begrenzt sind. Für Touristen, die das Abenteuer suchen ist Sorsele aber ein Paradies.

Das Wegenetz ist nicht sonderlich gut ausgebaut und bereits auf den „Durchgangsstrassen“ befinden sich Massen von Schlaglöchern, die bei Regen zu einem Paddelausflug mit dem Kanu einladen. Die gerade von inländischen Touristen gerne genutzte Strasse („länsväg“) 363, die von Sorsele bis ins Fjäll nach Ammarnäs führt, ist seit Jahrzehnten Gegenstand öffentlicher Debatten.

Während die Verkehrsteilnehmer sich im Prinzip ständig über den sich immer mehr verschlechternden und schlicht katastrophalen Strassenzustand beklagen, verweist das staatliche Trafikverket, dem der Unterhalt der Wege obliegt, beständig darauf, dass die Strasse so wenig befahren sei, dass sich eine Renovierung nicht lohne. Die KfZ-Werkstatt in Sorsele und der Reifenhändler freuen sich über diesen Beschluss.

Um unser heutiges Ziel zu erreichen, müssen wir auf eine noch abseitigere Strasse, nämlich die Verbindungsstrasse von Sorsele zur E45 in Richtung Slussfors. Eine unglaublich malerische Strasse, die sagenhafte Panoramen über die unberührte Natur zu bieten hat. Geteert war sie einmal, denn vom Strassenbelag ist an manchen Abschnitten nicht mehr viel übrig geblieben. Wellen und Schlaglöcher wechseln sich mehr oder weniger ab. Wir wundern uns immer wieder, dass viele einheimische Verkehrsteilnehmer dennoch mit 100 km/h über diese Piste rasen. Das ist nicht ohne, denn die unberührte Natur birgt das Risiko zahlreicher Wildwechsel. Hier kreuzen Elche, Rentiere, allerlei Kleinvieh und mit etwas Glück auch Bären die Strasse.

Etwa 50 Km hinter Sorsele überquert die Strasse den nördlichen Teil des Juktån Flusses (sog. „Övre Juktån“). Der insgesamt 177 Km lange Juktån mündet in der Nähe von Gunnarn (bei Storuman) in den Ume-Älv (Ume-Fluss). Eine schöne Übersichtskarte über den Verlauf des Juktån findet sich hier.

Der nördliche, obere Teil des Juktån ist nicht ausgebaut und an ihm dürfen auch keine Wasserkraftwerke errichtet werden. Damit hat er sich zu einem bei Anglern sehr beliebten Gewässer entwickelt (ausschliesslich Fliegenfischen). Die Regeln rund um das Angeln und welche Angelkarten für welchen Abschnitt erforderlich sind, sind nicht ganz einfach. Wer hier eintauchen will, kann sich in dieser Broschüre näher informieren.

Ums Angeln soll es aber heute nicht gehen.

Kurz nach der Brücke über den Juktån geht es rechts ab auf eine Schotterpiste, die sich entlang des Flusses in Richtung Norden schlängelt. Der Weg ist schmal, kurvig und bergig, bietet aber immer wieder einen traumhafte Ausblicke über das Flusstal. Einige Kilometer nach der Abzweigung endet auch die Mobilfunkabdeckung und ab dieser Stelle sollte die Fahrt nur mit einem verlässlichen fahrbaren Untersatz fortgesetzt werden.

Malerische Aussicht über den Juktån auf dem Weg zur Viktoriakyrkan
Malerische Aussicht über den Juktån auf dem Weg zur Viktoriakyrkan


Der Verkehr ist ziemlich dünn in dieser Region und eine Panne kann jetzt schnell zu einem echten Problem werden. Die faktische Höchstgeschwindigkeit auf der Schotterpiste liegt bei ca 50 Km/h; wer die Strecke durch die reizvolle Landschaft aber geniessen will, dem sei ein deutlich gemächlicheres Tempo ans Herz gelegt.

Nach ca. 25 Km endet die „offizielle Strasse“, d.h. der Weg wird zum Privatweg, für dessen Unterhalt Staat und Land nicht mehr verantwortlich sind. Praktisch bedeutet das, dass der Weg jetzt nur noch aus Schlaglöchern besteht und zudem deutlich schmäler ist.

Das dankenswerterweise nur äusserst selten notwendige Ausweichen bei entgegen kommenden Fahrzeugen wird zur echten Herausforderung und es scheint als ob der Weg kein Ende nehmen wolle.

Am Horizont zeichnet sich majestätisch das Fjäll ab und die Wälder entlang der Strecke haben sich in einen undurchdringlichen Urwald verwandelt.

Der bessere Teil der Schotterpiste / Sorsele
Der bessere Teil der Schotterpiste


Von der Abzweigung der Strasse von Sorsele nach Slussfors ab gerechnet, sind es insgesamt 42 Km abenteuerliche Schotterpiste bis zu unserem heutigen Ziel und es ist leicht, das Ziel schlicht zu verfehlen, denn das Hinweisschild ist schon stark verwittert und der recht kleine Parkplatz ist unauffällig.

„Viktoriakyrkan“ steht auf dem verblichenen Holzschild. Nur von einer Kirche ist erst einmal weit und breit nichts zu sehen. Jetzt geht es also auf den Trampelpfad durch den Urwald.

Bevor wir zur Kirche gelangen, wenden wir uns aber erst einmal der Geschichte zu.

Von 1907 bis 1930 war Victoria (andere gebräuchliche Schreibweise: Viktoria) von Baden Königin von Schweden. Sie war Tochter von Fredrik von Baden und Louise von Preussen und eine Kusine von Kaiser Wilhelm II von Deutschland.

Ihr Urgrossvater war Gustav IV. Adolf von Schweden, womit sie eine Nachfahrin von Gustav Wasa von Schweden war.

Geboren wurde sie am 7. August 1862 in Karlsruhe. Ihre arrangierte Ehe mit dem Kronprinzen Gustav von Schweden erfolgte aus politischen Gründen, um die Verbindung von Schweden und Deutschland zu stärken.

Ihre bewegte Lebensgeschichte bestand mehr aus Tiefen, denn aus Höhen. Wegen ihres angeschlagenen Gesundheitszustandes verbrachte sie nach der Geburt ihres dritten Kindes die meiste Zeit ausserhalb von Schweden, bevorzugt in Italien, wo sie am 4. April 1930 auch verstarb. Mehr Details: Link 1, Link 2.

Die derzeitige Kronprinzessin Victoria hat ihren Namen übrigens im Gedenken an die damalige Königin Victoria erhalten.

Zurück nach Sorsele.

Im Jahre 1935 wurde von Anwohnern im Juktåntal die Initiative ergriffen, dort eine Kirche zu erbauen. Sie konnten den damaligen Pfarrer von Ammarnäs, Göte Haglund, für ihren Plan begeistern, obwohl der nächstgelegene Weg damals 60 Km entfernt war. Nachdem sich eine kleine Gemeinde um die Initiative gebildet hatte wurde der Pfarrer beauftragt, mit der Sammlung von Geldmitteln für das Projekt zu beginnen.

Entscheidend für die Durchführung des Projektes war eine - nach damaligem Valutawert - unglaublich hohe anonyme Einzelspende von 12.000 schwedischen Kronen die mit der Auflage, das Andenken an die verstorbene Königin Victoria zu bewahren, zugewendet wurde.

Vom Domänverket, der damaligen staatlichen Waldverwaltung, wurden das Grundstück und das zum Bau erforderliche Holz geschenkt.

Die Bauarbeiten begannen in Januar 1936 nach Plänen des bekannten Stockholmer Architekten Karl Martin Westerberg.

Der Bau war wegen des unwegsamen Geländes beschwerlich und ein mobiles Sägewerk und alles übrige Baumaterial wurden im Winter mit Pferdeschlitten über den zugefrorenen Juktån und im Sommer mit Booten transportiert.

Die Fertigstellung erfolgte zu Midsommar 1938. Seit 1947 gehört die Kirche zur Kirchengemeinde in Sorsele. Neben der Kirche wurde noch ein kleines Gemeindehaus errichtet. Es gibt dort keinen Strom und in der Kirche gibt es nur ein Harmonium und ein Bollerofen heizt das kleine Gemeindehaus.

Das Geheimnis um die Identität des anonymen Spenders wurde später übrigens gelüftet:

Es handelte sich um den früheren Leibarzt der verstorbenen Königin Viktoria, Axel Munthe, den eine langjährige tiefe Freundschaft mit Victoria verbunden hatte und der das Andenken an sie bewahren wollte.

Gottesdienstlich wird die Kirche derzeit nur noch zwei- oder dreimal im Jahr und das während der Sommerzeit genutzt, denn im Winter wird die Schotterpiste nicht geräumt und die Kirche ist dann nur mit dem Schneemobil zu erreichen.

Wir kehren zurück auf den kleinen Trampelpfad, der vom Parkplatz an der Schotterpiste zur Kirche führt. Er ist durch Farbmarkierungen an den Bäumen ausgewiesen.

Die kleine Landzunge, auf der die Kirche steht, ist nur über eine schmale freischwingende Hängebrücke zu erreichen, die sich regelrecht hochschaukelt, wenn zwei Personen gleichzeitig über die Brücke gehen.

Der Trampelpfad zur Victoriakyrkan - Die Hängebrücke
Die Hängebrücke auf dem Trampelpfad


Nichts für schwache Nerven.

Viele Menschen verirren sich nicht hierher und das macht den bezaubernden Charme und Reiz der Stelle aus. Vor Reisegruppen ist man sicher; allenfalls abenteuerlustige oder an Kultur interessierte Individualtouristen finden den Weg hierher.

Nach ca. 500 Metern gibt der Wald den Blick auf einen Kirchturm frei und es ist ein ungewohntes Bild, wenn sich ein derart imposantes Gebäude mitten im Urwald erhebt. Das Bauwerk entspricht von seiner Grösse her dem einer normalem Dorfkirche.

Der Kirchturm der Victoriakyrkan erhebt sich aus dem Wald
Der Kirchturm der Victoriakyrkan erhebt sich aus dem Wald


Es ist es eine der schönsten Aussichten, die sich einem Kirchenbesucher bieten kann. Das Verlassen der Kirche gibt den Blick auf den unberührten Juktån und das Fjäll im Hintergrund frei. Beinahe weckt die Szenerie den Wunsch, in diese ruhigen Idylle einmal einen ganzen Winter verbringen zu wollen.

Victoriakyrkan in voller Pracht
Die Victoriakyrkan in voller Pracht