Christentum 4.0 - Auf dem Weg zur „Gott App“

Vorwort: Schweden ist das Land, in dem Skype und Spotify erfunden und entwickelt wurden. In Sachen Digitalisierung befindet sich Schweden in der europäischen Spitzengruppe.

Die schwedische Internetstiftung („Internetstiftelsen“) gibt jährlich einen Rapport zur aktuellen Lage der Internetanwendung heraus. Besonders interessant ist die nach Altersgruppen gestaffelte Statistik (Zusammenfassung hier). Der regelmässige Internet-Nutzungsgrad bei den zwischen 2000 und 2010 Geborenen liegt bei 100%.

Aus dem aktuellen ausführlichen Rapport (2018) geht hervor (Seite 61f), dass bereits 26% der Kleinkinder bis zum Alter von 12 Monaten das Internet anwenden. Bei den Einjährigen sind es 37%. Ende des Vorworts.

Laufen wir da am vergangenen Wochenende guter Dinge bei gerade einmal Null Grad Celsius und dem Mai-Schneegestöber trotzend durch die Hauptstrasse in Malå. Dabei passierten wir auch die Kirche und das Gemeindehaus der örtlichen Pfingstkirche. Ein Betonklotz aus den 70ern. Nicht unbedingt schön, zudem für die heutige Zahl an Gemeindegliedern hoffnungslos überdimensioniert. Ausserdem ist das Gebäude im Winter kaum noch zu beheizen, weil die Kosten zu hoch sind; von der daraus resultierenden Klimaschädigung einmal ganz zu schweigen.

Wir laufen also so die Strasse entlang und ich lasse meine Gedanken kreisen, als mein Blick unweigerlich auf das Hinweisschild, das direkt vor dem Eingang des Gemeindehauses steht, fällt.

Da steht doch tatsächlich „11 Uhr Gottesdienst, Web-TV“ zu lesen.

Das hat mir natürlich keine Ruhe gelassen und tatsächlich: Da werden Predigten für den Gottesdienst live gestreamt oder als Konserve vom entsprechenden YouTube Kanal der schwedischen Pfingstbewegung gezeigt.

Effektiv! Das liegt auf der Hand.

Der Pastor ist in solch einer Gemeinde schliesslich der Hauptkostenfaktor. Und für 20 Gemeindeglieder in einem Bunker, der für 250 Leute gebaut ist, werden die Finanzen schon eng.

Web-TV: Ein smarter Schachzug.

Ein ehrenamtlicher Musiker, eine Kaffeemaschine für den obligatorischen Kaffee nach der Kirche und die Organisation steht. Mehr braucht es in Schweden nicht. Und wenn die kalte Jahreszeit ansteht, kann man die Predigt auch zu Hause am Küchentisch (oder auf dem Sofa) hören und man muss nicht den ganzen Betonklotz unnötig heizen. Die Lebenslänge einer solchen Gemeinde dürfte sich damit verlängern, bis sie sprichwörtlich ausgestorben ist.

Meine Gedanken kreisen weiter und ich sehe weitere Vorteile vor meinem geistigen Auge:

- In der Zeit der Uploadfilter kann sicher gestellt werden, dass nur die gewünschte Lehre übertragen wird. Implementierte Linientreue. Nach Belieben veränderbar. Das digitale Predigtarchiv kann schliesslich jederzeit spurlos gelöscht werden. Auf Knopfdruck.

- Und über moderne digitale Werkzeuge kann auch immer gleich ein Faktencheck des Übertragenen (zudem nach wahlfreiem Masstab und dem jeweiligen „gesellschaftlichem Konsens“) durchgeführt werden. Am Bildschirmrand ist dann ein „Daumen hoch“ oder „Daumen runter“ zu sehen. Das Klickvieh wird somit aktiv in die Staatsräson involviert.

- Zum Streamingangebot gibt es auch gleich noch eine Spenden App. Die App erspart die lästige Bargeldhantierung für den Klingelbeutel und der unliebsame Nachbar sieht auch nicht mehr, ob der Spender Schein oder Münze abgibt. Oder?.
Nein. So doch nicht! Wo kämen wir da hin?
Das Volk will doch Transparenz. Schreit doch regelmässig danach. Es ist für den Einzelnen bestimmt ein wohliges und sicheres Gefühl wenn die Spenden App einen automatischen Upload erstellt, und alle Spendenbeträge direkt auf den Profilen der spendenden Gemeindeglieder in einschlägigen sozialen Netzwerken veröffentlicht werden.
Mist. Dann weiss der Nachbar schon wieder wie viel von wem gespendet wurde!

- Und Gott ersetzen wir im gleichen Atemzug auch gleich mit einer App. Da soll es gerade günstig eine Vorlage von den Zeugen Jehovas geben. Sind nur ein paar kleinere Anpassungen erforderlich.

Merke:

Es gibt keine Zweifel am Fortschritt! Wehe dem, der der Vergangenheit nachtrauert! Wehe ihm!
Nur was ist, wenn ein Stromausfall das Land heimsucht? Wäre die Christenheit 4.0 dann hoffnungslos verloren?

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Sage bitte künftig niemand, er hätte es nicht gewusst!

Gehabt Euch wohl.

Christentum 4.0 - Predigt via Web-TV
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