Meckes und so - Gedanken über das Auswandern und wie die Zeiten sich ändern

Ein nicht zu unterschätzender Faktor: Die Geschmacksnerven sind bei Auswanderern eine heikle Sache. Wenig prägt Menschen schon von früher Kindheit und Jugend an so sehr, wie Essensgewohnheiten und Geschmackswahrnehmungen.

Vor einigen Tagen waren wir sehr lange unterwegs.

Das Wetter hatte sich von der übelsten Seite gezeigt: binnen 24 Stunden war das Thermometer von Minus 20 Grad auf Null Grad gestiegen. Garniert wurde das Ganze mit Nieselregen.

Das Ergebnis waren spiegelglatte Strassen den ganzen langen Tag über. Normalerweise bleiben wir bei solchem Wetter schlichtweg zu Hause, aber ein sehr wichtiger Termin stand an. Nach zwölf Stunden Fahrt waren die mitgenommenen Butterbrote verzehrt und unser Magen begann heftig zu knurren.

Gar nicht einfach gegen 20 Uhr abends entlang der E4 ein Restaurant oder einen Kiosk zu finden. Und die, die es gibt, bedienen nicht unbedingt unsere von der Nahrungsmittelindustrie schon in früher Kindheit sozialisierten Geschmacksnerven.

Auf der E4 aus Umeå kommend rollen wir dann so - in Anbetracht der spiegelglatten Strasse - gebührend langsam den Hügel nach Skellefteå hinab. Am Horizont zeichnet sich das Stadtbild ab. Eine gold-gelb schimmernde Leuchtreklame weckt unbewusst ein Gefühl.

Plötzlich das Gefühl einer Zeitreise.

Damals in den Neunzigern war ich Repetitor bei einem juristischen Repetitorium.

An den langen Tagen waren die Vorlesungen vormittags in Mannheim angesetzt und nachmittags in Heidelberg. Viel Zeit für die Nahrungsaufnahme gab es an diesen Tagen nicht, denn zwischen den beiden Vorlesungen lagen nur eineinhalb Stunden.

Wer sich noch an den Stadtverkehr im Grossraum Mannheim/Heidelberg in den Neunzigern erinnert, weiss, dass alleine die Fahrt über eine Stunde gedauert hat.

Die Mittagspause fand dann also immer im Schnellverfahren vor dem Nachmittagskurs statt:

Beim „Golden M“, wie wir ihn damals nannten. Praktischerweise waren der Lehrsaal des Repititoriums im Gebäude direkt nebenan. Das ist zwar jetzt schon 25 Jahre her, aber es hat die Geschmacksnerven geprägt. Und diese bestimmte Art des Essens (von der ich jetzt nicht in Abrede stellen will, dass sie vermutlich ziemlich ungesund war und ist) hat auch bestimmte Essensrituale geprägt, z. B. . das Zerknüllen des Papiers, in das der Burger eingewickelt war.

Zeitreise zurück ins Jahr 2019.

Da leuchtet dieser „weltumspannende“ Schriftzug und hat eine magische Anziehungskraft.

Denn die Erfahrung hat uns gelehrt: "Egal, wo Du Dich auf der Welt befindest, das Essen beim "güldenen M" schmeckt überall gleich!"
(und ist mit Köttbullar in sog. Sahnesauce nun wirklich nicht zu vergleichen).

Gesagt, getan, mit einem eleganten Schwung auf dem vereisten Parkplatz das Auto eingeparkt.

Langsam gleiten unsere Schuhsohlen auf der Eisbahn hin um sodann erwartungsvoll und mit getragenen Schritten in die „heiligen Hallen“ einzutreten. Von den Enkeln habe ich im Sommer übrigens gelernt, dass das "goldene M" im jugendlichen Sprachgebrauch jetzt „Meckes“ heisst.

Man muss ja gebildet bleiben.

Ein Kulturschock trifft uns sogleich mit einem grossen Bumms. Der Laden ist niegelnagelneu und wurde erst im September eingeweiht. Alles vom Feinsten und toppmodern. In der „guten alten Zeit“ gab es so eine Theke mit Kassen dahinter. Über der Theke waren Leuchttafeln angebracht, auf denen die Schnellgerichte und deren jeweilige Einzelkomponenten aufgeführt waren. Vergeblich blickten wir zur Theke (die immerhin noch als Warenausgabe existiert).

Da gibt es keine Leuchtschilder, keine Kassen mehr.

Hinter der Eingangstür stehen aber mehrere überdimensionale Säulen mit eingelassenen Bildschirmen, auf denen Speisen und Gerichte in Form von Bildern zu sehen sind. Übermüdet wie ich war, habe ich wohl einen ziemlich hilflosen Eindruck gemacht, als ich da so staunend herum gestanden bin.

Eine ziemlich junge Mitarbeiterin kam mit leichten Fuss heran, um sich im - gefühlt: mitleidigen - Tonfall zu erkundigen, ob sie mir den helfen könne. Oh ja, antwortete ich, ich wolle eigentlich nur etwas bestellen. Chicken Mc Nuggets sollten es sein. Sie meinte, die wären doch da auf dem Schirm zu sehen. Ja entgegnete ich, aber das seien 6 Stück und ich würde gerne die 20`er Packung bestellen.

Daraufhin blickte Sie mich wie einen vertrottelten Greis an und machte mit ihrer linken Hand eine schwungvolle Wischbewegung auf dem Display um mir damit zu erklären, wie das Displaysystem funktioniert.

Ein kurzer Blick zu Frau Lapplandblog, die schon in der Nähe einen Tisch für uns in Beschlag genommen hatte, reichte mir. Ihr Kreisgrinsen im Gesicht war unübersehbar!

Mein Blick traf wieder auf das übergrosse Display der vor mir stehenden leuchtende Säule.

Aha, langsam dämmerte es mir, dass dieses Ding wie die Oberfläche eines Mobiltelefones funktioniert. Und - ungewöhnlich engagiert - wies die junge Frau mich sogleich im freundlichen Tonfall darauf hin, dass auf der rechten Seite der Schlitz für die Konto- oder Kreditkarte sei.

Sie würden nämlich kein Bargeld mehr akzeptieren.

Einige Minuten später war wir dann mit dem erstandenen Essbaren wieder auf dem Weg zum Auto. Und eine Viertelstunde später ging es in den Endspurt gen unserer steinzeitlichen Heimat.

Für die letzten 150 Kilometer haben wir noch einmal zweieinhalb Stunden gebraucht, was mir die ausführliche Gelegenheit gegeben hat, über die Zeit in der wir leben, nachzudenken.

Fakt ist, dass das ungesunde Essen nach dem Masstab der Erinnerung wie früher geschmeckt hat (und auch dasselbe „wohlige Glücksgefühl“ hervor gerufen hat).

Fakt ist aber auch, dass mir die zwischenmenschliche Komponente der Bestellung „über den Tresen“ gefehlt hatte (und ich von der bargeldlosen Gesellschaft gar nichts halte).

Wieder im kleinen Dorf angekommen habe ich mich - völlig am Ende - dann aber sehr gefreut, wieder in den gefühlten 50er Jahren angekommen zu sein.

Ende des Zeitreisetages.

Nein. Nicht ganz.

Am nächsten Tag sass die Familie um den Tisch herum und ich erzählte mein Meckes Erlebnis vom Vortag. Nach einer kleinen Pause nach der Erzählung sagte unser Enkel trocken:

"Ja, Opa, jetzt wirste halt alt!"

Der neue Meckes in Skellefteå
Ein Schriftzug, der Gefühle weckt - sogar durch den Eisregen hindurch :)