Innenansichten verschiedener Kirchensysteme, oder: Pfarrer im Ruhestand in Deutschland und Schweden im Vergleich

Manche Begegnungen und Gespräche geben erst im Nachhinein oder aus ihrem Zusammenhang heraus einen Sinn. Wie das Leben eben manchmal so spielt.

Kürzlich hatten wir bei Kaffee und Kuchen ein aufschlussreiches Gespräch mit einem schwedischen Gemeindepfarrer. Wir sprachen über dieses und jenes und auch über Gemeinde im Allgemeinen.

Die - für uns erstaunliche - Quintessenz des Gespräches war, dass er einfach nur - wie viele andere auch - seinen "Job" machen würde. In seinem Arbeitsvertrag stünde genauestens drin, welche Tätigkeiten er zu verrichten hätte und mehr würde er darüber hinaus auch nicht machen.

Besonderes Engagement oder Sorge um das Wohl und Wehe seiner Kirchengemeinde? Fehlanzeige.

Ein Job - mehr nicht.

Im Gegensatz dazu, nur kurze Zeit später, erfolgten Gespräche mit zwei deutschen Geistlichen, ohne Kaffee und Kuchen:

einem katholischen und einem evangelischen Vertreter der Christenheit. Beide wie der Schwede soeben in Ruhestand gegangen.

Spontaner Befund:

Bei beiden Vertretern nahmen wir eine sehr starke (Über-) Identifikation mit dem anvertrauten Dienst wahr, die teilweise darin gipfelte, dass gerade beim Protestant die eigene Familie eine untergeordnete Rolle spielte. Familie kannte der Herr Pfarrer nur noch aus der Arbeitsperspektive heraus und wusste zu dem Zeitpunkt unseres Gespräches nicht einmal, wie es seinen eigenen schon erwachsenen Kindern erging.

Nach dem Eintritt in den Ruhestand fiel das deutsche Personal Gottes auf Erden in ein „grosses Loch“. So die unabhängigen Erzählungen der beiden. Zwar kamen Varianten im Werdegang zu Tage, doch es machte sich Leere und Sinnlosigkeit in ihrem Leben breit.

Der schwedische Pfarrers-Pensionär hatte sich schon lange vor seinem letzten Arbeitstag ein Hobby gesucht, denn für ihn war die Gemeindearbeit schon immer nur ein Job mit geregelten Arbeitszeiten, die laut der Gewerkschaft (Link) auch dringend einzuhalten seien. Somit ist sicher gestellt, dass dem Arbeitnehmer genug freie Zeit zur Verfügung steht und diese gilt schliesslich zu füllen - und zwar mit einem Hobby. Ausserdem müsse eine hohe Arbeitsbelastung verhindert werden.

Arbeitsbelastung? Wie?
Wie kommt denn Arbeitsbelastung zustande, wenn keinerlei Schäfchen mehr auf der Weide stehen?
Lassen wir das aber mal einfach so stehen. Selbstdenken ist erlaubt!

Die Frage, die mich seit den Gesprächen gerade mit den deutschen Schäfern beschäftigt, ist folgende:

Wenn die Zeit „auf der Kanzel“ (evangelische Variante) oder „am Altar“ (katholische Variante) mit der Fürsorge um die „Schäflein“ und den Möglichkeiten zu subtiler Machtausübung ihr Ende gefunden hat, kommt die Krise.

Welches System ist nun besser und einfacher?

Innenansichten verschiedener Kirchensysteme, oder: Pfarrer im Ruhestand in Deutschland und Schweden im Vergleich
Grabtuch oder Gewand?