Rückblick und Ausblick: Pushing the limits - Getting into the flow

Aus dem Archiv ist mir am Wochenende ein Artikel in die Hände gefallen, den ich vor 10 Jahren als Gastbeitrag auf einem anderen Fotoblog veröffentlicht hatte. Die Lektüre hat mich darin bestätigt: Er hat absolut nichts an Aktualität eingebüsst. Nachdem er auf dem Blog, auf dem er ursprünglich veröffentlicht worden ist mittlerweile nicht mehr vorhanden ist, publiziere ich ihn jetzt hier nochmals. Tipp beim Lesen: Esetze „Kamera“ mit „Smartphone“ und „Kameraträger“ mit „Smartphonenuzer“.
Viel Spass bei der Lektüre und viel Erfolg bei der Umsetzung - es lohnt sich!

Pushing the limits - Getting into the flow

Mit den Folgen der Digitalen Revolution umgehen

Mir wird zunehmend schummerig, wenn ich auf Veranstaltungen und Events fotografieren bin. Warum? Kameras, wo ich auch hinsehe. Mittlerweile scheinen 50% aller Menschen mit Kamera unterwegs zu sein. Gefühlsmässig wie auf der Photokina.

Skurriles Erlebnis vor einigen Tagen: Als ich mich auf einem Event auf dem Boden wälzend der richtigen Perspektive zum Motiv näherte, umringten mich binnen einer Minute bestimmt 20 Menschen mit Kamera. Sie knipsten wild drauf los. Ich bezweifle, dass auch nur einer wirklich erahnte, was ich da eigentlich fotografiert habe. Aber dazu später mehr.
Etwas beklemmend das alles, denn die Bilderflut schwappt über uns. Da wird vom allgegenwärtigen iPhone so schnell auf alle denkbaren Plattformen hochgeladen, dass es für den Profi schwer ist, geschwindigkeitsmässig mitzuhalten.


Was zeichnet den kreativen Fotografen aus?

Nicht die Geschwindigkeit. Nicht die verwendete Ausrüstung. Nicht das Gehabe.
Der kreative Fotograf geht ans kreative Limit. Immer weiter.

Mihály Csíkszentmihályi hat dafür den Begriff des “Flow” geprägt. Der “Flow” bezeichnet die völlige Vertiefung und des Aufgehens in einer Tätigkeit. Der Flow stellt sich ein bei der Annäherung an die kreativen Grenzen. Er lässt die Umwelt und das Zeitgefühl vergessen. Für den Bereich der kreativen Tätigkeiten am wichtigsten: Er lässt die Grenze zwischen Handlung und Bewusstsein verschmelzen.

Ich behaupte: Du siehst es Bildern an, ob sie in einem Zustand des Flow entstanden sind. Gerade das ist es übrigens auch, was mir an … [Name des Betreibers der Plattform, auf welcher der Artikel ursprünglich veröffentlicht worden ist]… Bildern so gefällt. Ich spüre seinen Flow beim Betrachten.


Was bedeutet das für die fotografische Arbeit und wie drückt es sich aus?

Gerade im Zeitalter der Allgegenwart von Kameras (ich sage bewusst “Kameras” und nicht “Fotografen”) besteht das Risiko, all die anderen Menschen mit Kameras als Störung oder gar Mitbewerb zu sehen. Ablenkung ist aber tödlich für den Flow. Meinem Erleben nach ist das konsequente “Einigeln” gegenüber allen Störfaktoren - darunter fallen auch die vielen anderen Kameraträger - der entscheidende Schlüssel für den kreativen Flow. Wenn mich 20 Menschen mit Kamera umringen, so what?

Das heisst nicht, völlig taub für seine Umwelt zu werden (obwohl Ohrenstöpsel bisweilen sehr hilfreich sein können). Für den Auftraggeber sollte man trotzdem immer ein offenes Ohr haben. Und auch generell ist es allzu leicht in die arrogante Schublade zu gelangen. Ein Akt der Balance. Trotzdem plädiere ich für innere Abschirmung und Fokussierung.


Flow oder Kick - Kreative Arbeit oder Schnappschuss

In den Flow zu kommen ist etwas anderes, als nur einen “Kick” zu haben. Der Kick ist ein kurzzeitiges Erleben und Geschehen. Fotografisch ist er vergleichbar mit einem Schnappschuss. Wenn ich geplant Fotografieren bin, ist der Flow mein Ziel. Wenn ich im Alltag plötzlich, ungeplant und unerwartet auf ein faszinierendes Motiv stosse und zur Knipse in der Jackentasche greife, ist das ein Kick. Ein Schnappschuss. Ein kurzes Highlight (was nicht heissen soll, dass dabei nicht trotzdem ein sehr gutes Bild entstehen kann). Ein Kick kann in einen Flow umschlagen. Das unerwartete Motiv fesselt mich. Ich beschäftige mich damit, und lasse mich in seinen Sog hineinziehen. Das kann zum Flow führen. Muss es aber nicht.


Flow und Arbeit

Um Missverständnissen vorzubeugen: Flow ist Knochenarbeit. Punkt. Wir reden nicht über einen Spaziergang, sondern über eine Extremexpedition am Limit, die an die individuellen - konzentrationsmässigen, energiemässigen, und oft auch körperlichen - Energiegrenzen geht. Als Fotograf kannst Du nicht einfach warten, bis die “Muse” dich küsst. Oft tut sie das schlicht nicht. Der Flow in der kreativen Arbeit entwickelt sich aus der Arbeit. Im Sprichwort gesagt: “Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es.”

Deswegen ist kreatives Arbeiten auch erlernbar. Es gibt mittlerweile viele gute Bücher, Workshops und Seminare zum Thema. Und alle haben eines gemeinsam: Du selbst musst aktiv werden. Das ist die Ausgangsbasis.
So wird der oft gegebene Rat nachvollziehbar “spezialisiere Dich auf das, wozu Du einen innerlichen Bezug hast”. Das natürliche Interesse an einer Sache motiviert Dich, anzufangen. Der oft angeblich schwerste und erste Schritt ist dann viel einfacher.


Kreative Wellen beachten

Flow zehrt an der mentalen (und/oder körperlichen) Kondition. Was uns zum nächsten Punkt führt. Du kannst nicht immer nur auf Hochtouren laufen. Sonst landest Du in einem kreativen Burnout. Das ist mit das Schlimmste, was Dir passieren kann.

Erinnern wir uns: Flow bedeutet fliessen oder strömen. Wellen bestehen aus Bergen und Tälern. Genau so ist es mit der Kreativität. Es gibt Hochs und Tiefs. Und das ist auch gut so. Die Tiefs gehören dazu und der Profi liefert auch dann noch grundsolides Handwerk. Was selbstverständlich voraussetzt, dass er sein Handwerk von der fotografisch-handwerklichen Seite her auch beherrscht. Nur so kann er die Konsistenz seiner Arbeit sicherstellen. Und darauf legen Kunden - völlig zurecht - grössten Wert.

Freue Dich über die kreativen Hochs und verzweifle nicht an einem Tief. Sei weise mit der Einteilung Deiner Kräfte.

Je mehr Du über den Umgang mit dem Flow lernst, desto weniger brauchen Dich die vielen anderen Kameraträger um Dich herum zu interessieren. Wenn Du in Deinem kreativen Flow bist, bist Du einzigartig und besser als alle die anderen.


5 Praktische Tipps hin zum Flow

- Lerne Deinen eigenen Interessen besser kennen.

- Plane und strukturiere Deinen Alltag und Deine Fotografie nach Energiegesichtspunkten. Kalkuliere deine kreativen Hochs und Tiefs mit ein.

- Führe ein Tagebuch über Deine kreativen Hoch- und Tiefphasen. Lerne Deinen Rhythmus besser zu verstehen und richte Deine Planung danach aus.

- Mach Dir einen Plan: Welche persönlichen Fotoprojekte wirst Du - neben Deiner kommerziellen Arbeit - in den nächsten 12 Monaten verwirklichen. Nimm Dir nicht zuviel vor. Sei realistisch.

- Denk daran: Kreative Fotografie ist Arbeit. Und damit ist es, wie mit einem Job. Du musst mit der Arbeit anfangen. Tu es.