RAW Power für Mac OS X und iOS

Über die Vorzüge von RAWs („digitale Negative“) gegenüber von JPGs direkt aus der Kamera („endgültiges Bilder“) ist - auch hier - schon hinreichend viel geschrieben worden, und ich will auch keinen (erneuten) Glaubenskrieg in dieser Frage entfachen. Jeder nach seiner façon.

Meine Philosophie ist bekannt: Wenn es um schnelle dokumentarische Schnappschüsse geht, bin ich mit JPGs vollauf zufrieden. Wenn es um Bilder geht, die über den schnellen Schnappschusss hinaus gehen, darf es RAW sein. Mittlerweile bieten ja bekanntlicherweise auch schon die RAWs aus neueren iPhones erhebliches Potential.

Für die Entwicklung und Bearbeitung von RAWs gibt es mittlerweile etliche kommerzielle und freie Anwendungen. Der bekannte Platzhirsch aus dem Hause Adobe ist sehr leistungshungrig und hat bereits vor einiger Zeit auf ein Abomodell umgestellt. Beides gefällt mir nicht.

Viele der freien Alternativen sind mittlerweile sehr ausgereift, erfordern aber einen hohen Einarbeitungsaufwand.

Die leuchtende Ausnahmeanwendung war Aperture aus dem Hause Apple, das aber 2014 beim Erscheinen von Mac OS X 10.10.2 und dem Versionsstand 3.6 eingestellt wurde.

Der offizielle Nachfolger Photos, der seitdem ein originärer Teil von Mac OS X ist, kann dem Vorgänger bei weitem nicht das Wasser reichen. Damit hat sich Apple selbst aus dem Rennen geschossen. Viele Fotografen haben Aperture bittere Tränen nachgeweint. Die Konkurrenz hatte schnell nachgelegt und eine kostenlose Migrationssoftware für Adobe Lightroom, bzw. Capture One bereit gestellt, damit Neukunden möglichst bequem eine Aperture-Bibliothek mit Fotos und Metadaten importieren konnten. Und so verschwand die seinerzeit führende RAW Software in den Annalen der Fotogeschichte.

Ganz Gallien? Nicht ganz, denn Nik Bhatt, einer der leitenden Entwickler, der bei Apple u.a. für die Entwicklung von von Aperture und iPhoto verantwortlich war, hat sich 2015 von Apple getrennt und 2016 eine eigene Softwareschmiede gegründet, die auf den charmanten Namen Gentlemen Coders hört und sich der Entwicklung einer Software zur Bearbeitung von RAWs in der Tradition von Aperture verschrieben hat. Und die hört auf den Namen „RAW Power“, womit wir beim Thema wären.

Schon der Name ist vielversprechend, steht „RAW Power“ doch für „Pure Kraft“.
RAW Power ist sowohl eine Standalone Anwendung, wie auch eine Erweiterung direkt in Photos. Neben der Desktop Anwendung gibt es denselben Funktionsumfang auch in einer gleichnamigen iOS App.

Wer früher mit Aperture gearbeitet hat, wird sich in RAW Power gleich heimisch fühlen. Im Mai dieses Jahres ist die Version 3.0 erschienen, die an Funktionalität alles bietet, was für die RAW Entwicklung vonnöten ist.

An dieser Stelle sei ein kleiner Exkurs erlaubt:

Der althergebrachte Begriff des „Post processing“ von Bildern, verschleiert als „matschiger Sammelbegriff“ nur die einzelnen Schritte der Entwicklung und Nachbearbeitung (was bei einem RAW besonders anschaulich wird).

Viel besser und von der Struktur her hilfreicher ist es, im von Mike Johnston entwickelten „C-E-R“ Modell zu denken und zu arbeiten.

Kurz zusammen gefasst:

C steht für „Correction“, also die Fortschreibung der beim Akt der Aufnahme getroffenen Wahlen (z. B. Weissabgleich, Belichtung, usw.) und die Korrektur von Standardfehlern (z. B. Wegstempeln von Sensordreck);

E steht für „Enhancement“, also die Anwendung visueller Effekte zur Verbesserung des aufgenommenen Bildes (z. B. Clarity, lokaler Kontrast, Vignettierung, usw.) und

R steht für „Reworking“, also alle Nachbearbeitungen, welche die Bildaussage als solche betreffen (z. B. Verändern von Bildelementen und Hintergrund, also das, was das klassische „Photoshopping“ beinhaltet).

Ende des Exkurses und zurück zu RAW Power:

In diesem C-E-R Prozess der Bildbearbeitung umfasst RAW Power die Stufen C („Correction) und E („Enhancement“) vollumfänglich. Die Stufe R („Reworking“) ist nach wie vor eine Domäne von Photoshop.

RAW Power enthält alle erforderlichen Werkzeuge und Tools für die RAW Entwicklung. Die Benutzeroberfläche ist robust und sehr strukturiert.

Auf iOS lässt sich im Querformat die Benutzeroberfläche individuell anpassen.

Zur iOS App ist anzumerken, dass sie (logischerweise) die gleiche Qualität wie die Desktop Anwendung liefert. Allerdings finde ich den Bildschirm von iPhone und iPad etwas suboptimal und er lässt sich auch nicht so einfach kalibrieren, wie auf dem Desktop. Unter iOS gibt es eine Integration in die weit verbreitete App Halide, mit der sich Bilder im RAW Format aufnehmen lassen (denn die Camera App in iOS kann das von Haus aus nicht).

Die Anzeige über- und unterbelichteter Bereiche ist in RAW Power sehr gelungen und die einzelnen Tools vermitteln ein feines Gefühl des „Hands-on“.

Die Tools umfassen: Histogramm, RAW Processing, White Balance, LUTs (dazu sogleich mehr), Tone, Enhance, Basic, Sharpen, Crop & Straighten, Black and White, Channel Mixer, Chromatic Aberration, Curves, Levels, Perspective und Vignette. Alle Bearbeitungen lassen sich als Preset speichern und natürlich auch kopieren und für andere Bilder individuell einsetzen.

Hinter „LUT“ verbigt sich die vornehmlich aus der Videobearbeitung bekannte Technik der Lookup-Tabellen (daher die Abkürzung LUT) bzw. Umsetzungstabellen. Eine Lookup-Tabelle ist - vereinfacht erklärt - eine Farbtabelle, welche die Farben eines Fotos als Ist-Wert mit einem Soll-Wert vergleicht. Dann ersetzt sie eine Nuance durch eine andere, sodass ein Foto eine besondere Anmutung bekommt. Damit lassen sich z. B. der „Look“ klassischer Filme oder bestimmte Stimmungen simulieren. Im Internet gibt es eine Fülle kostenloser und kommerzieller LUT-Pakete, die kaum Wünsche offen lassen.

Ich finde es sehr positiv, dass sich die Programmierer von RAW Power für eine solche, offene Lösung entschieden haben, statt eigene (generische und kostenpflichtige) Plugins anzubieten. Ab Werk wird bereits ein Bündel an LUTs mit geliefert, darunter auch eine Gruppe, die den von Fujifilm bekannten Filmsimulationen entspricht.

Sehr gut gefällt mir auch, dass entweder mit der Photo-Library oder mit individuell geöffneten Foldern im Finder gearbeitet werden kann. Persönlich verwalte und archiviere ich meine Bilder gerne selber und mit einer speziellen Anwendung. RAW Power zwingt mich - im Gegensatz zu anderen Programmen - nicht zum Import in eine (aus meiner Sicht: unnötige) Datenbank (die nur unnötigen Speicherplatz auffrisst).

Natürlich kann man Bilder bewerten und nach Bewertung sortieren.

Die Gentlemen Coders haben einen YouTube-Kanal mit zahlreichen guten und prägnanten Tutorials (sehr empfehlenswert).

Die Liste der unterstützten Kameras ist lang und entspricht der, die von Apple nativ in iOS und Mac OS X unterstützt werden. Die komplette Liste findet sich hier.

Für Handbuchleser gibt es hier das Handbuch für die iOS Version und hier für die Mac OS X Version.

Und wer sich selbst einen Eindruck verschaffen möchte, den sei die - zeitlich unbefristete - Demoversion ans Herz gelegt (die lediglich beim Export ein Wasserzeichen einfügt).

Der Kauf (kein Abo o.ä.) schlägt derzeit mit einmalig 43,99 EUR für Mac OS X und 10,99 EUR für iOS zu Buche. Ein echtes Schnäppchen.

Zusammenfassende Bewertung:

RAW Power ist mittlerweile unser Standardprogramm für alle RAW Bilder geworden. Schnell, präzise und mit sehr guter Exportqualität. Von uns gibt es eine klare Empfehlung mit 5 von 5 Sternen.

Prädikat: wertvoll und empfehlenswert.

RAW Power für Mac OS X Screenshot