Böse Überraschung - Schneelast und Dachlawinen in Lappland

Heute wieder ein Artikel aus der Reihe "live aus dem Alltag".

Die Geschichte beginnt - wie i. d. Rd. - mit einem verzweifelten Anruf. In der Nachschau eine wirklich erschütternde Geschichte.

Eine deutsche Familie hatte sich im vergangenen Jahr ein kleines Häuschen in durchaus reizvoller Lage hier in der Gegend gekauft. Gedacht war, das Haus als Ferienhaus für die Familie zu nutzen. Den Rest des Jahres sollte das Haus leer stehen und sich selbst überlassen bleiben. Soweit so gut.

In einem solchen Fall gibt es zunächst das Einbruchsrisiko in der unbewohnten Zeit. Wer keine werthaltigen Gegenstände - und darunter fallen hier auch z. B. ein Rasenmäher oder eine Schneefräse - im Haus oder den Nebengebäuden verwahrt, muss sich keine allzu grossen Sorgen machen (abgesehen von einer aufgebrochenen Tür und durchwühlten Schränken). Überaus ärgerlich ist ein Einbruch natürlich schon, aber das finanzielle Risiko hält sich in überschaubaren Grenzen.

Ein viel grösseres Risiko lauert aber in der kalten Jahreszeit.

"Schneelast" heisst das Stichwort. Die zulässige Schneelast gibt an, wie viel Schnee ein Hausdach aushalten wird. Die Winter sind hier lange und Schnee gibt es reichlich. Da kann sich eine ganze Menge von der weissen Pracht auf dem Dach ansammeln.

Wieviel das in Tonnen gemessen sein kann, lässt sich relativ einfach berechnen. Schweden ist - wie andere Länder auch - in Schneezonen aufgeteilt. Eine solche Schneezonenkarte kann z. B. hier betrachtet werden.

In Lappland reichen die Werte von 2,5 bis 5,5. Der Grossteil der Fläche ist als drei klassifiziert. Was verbirgt sich hinter diesem Wert? Er gibt an, wieviel Schneelast pro Quadratmeter, mit einer Wahrscheinlichkeit von 98% nicht überschritten wird. In der Schneezone 3,5 ist also mit 350 Kg Schneelast pro Quadratmeter zu rechnen. Hier geht es zunächst einmal nur um reinen Schnee.

Die tatsächliche Schneelast kann sich aber im Verlauf des Winters ändern. Bleibt der Schnee auf dem Dach die Wintersaison über liegen, verdichtet er sich. Irgendwann kommt die Tauphase. Es regnet auf den Schnee, der zunehmend vereist. Wenn Schneefanggitter jetzt verhindern, dass der Schnee als Lawine vom Dach fällt, kann die Schneelast auf bis zu 900 Kg pro Quadratmeter (im Extremfall auch noch mehr) steigen. Nun überschlagen Sie einfach einmal, wieviele Quadratmeter Fläche Ihr Dach hat. Und schnell kommen Sie zu der Einsicht, dass sich am Winterende gut und gerne ein ganzer Tankwagen an Gewicht auf dem Dach lastet.

Viele Häuser in Lappland sind so gebaut, dass Sie eine hohe Dachneigung (relativ spitzer Winkel) haben. Dadurch fällt der Schnee ab einer angemessenen und ungefährlichen Schneehöhe als Lawine herunter. Das macht zwar viel Arbeit am Boden, rettet aber das Dach. Häuser mit Giebeln oder Winkeln im Dach sind problematischer. Durch die Schneestürme im Winter bilden sich an diesen Stellen Schneeverwehungen mit möglicherweise gefährlichen Schneehöhen, die zu extremer Punktbelastung führen können. Ein gutes Indiz in einem Holzhaus (und die allermeisten Häuser hier sind Holzhäuser) sind Fenster und Türen. Wenn diese anfangen zu "knarzen" und sich nicht mehr geschmeidig öffnen und schliessen lassen, dann ist äusserste Vorsicht angesagt.

Besonders gefährdet sind Flachdächer. Auf vielen Industriehallen ist deshalb im Winter permanent eine Schneefräse geparkt, mit der das Dach regelmässig gefräst wird.

Ein Dach vom Schnee zu räumen ist übrigens echte Knochenarbeit (wenn man nicht gerade ein Flachdach mit Schneefräse darauf hat). Bei geneigten Dächern kommt noch ein weiteres erhebliches Risiko hinzu. Dachräumer sind in Schweden hochbezahlte und i. d. R. gut trainierte Spezialisten.

Ein kleiner Exratipp noch zu Häusern mit grosser Dachneigung:

Die Lawinen schonen das Dach. Wenn Sie aber einen Kamin haben, geht eine Leiter auf dem Dach zu diesem. Und gerade diese Leiter hat die unangenehme Eigenschaft, mit der Lawine gerne herunter gerissen zu werden. Regelmässige (am besten jährliche) Kontrolle ist wichtig. Und bitte lassen Sie das einen Profi machen (besonders wenn Sie nicht schwindelfrei und höhenerprobt sind).

Zurück zum Anruf, mit dem unsere Geschichte begann. Was war also geschehen?

Die deutsche Familie wollte alles "ordentlich" haben, und hatte sich im vergangenen Herbst von einem deutschen Handwerker, der seinen Urlaub in Lappland verbracht hatte, überall rund um das Haus Schneefanggitter anbringen lassen. Richtig stabil und in "deutscher Gründlichkeit".

Dachlawinen gab es also keine. Fein.

Das hatte aber die vorhersehbare und verheerende Nebenwirkung, dass sich auf dem Dach eine viel zu grosse Menge Schnee ansammelte, für welche die alte Dachkonstruktion schlichtweg nicht berechnet war. Und vermutlich gegen Mitte April gab es dann einen lauten Knall und das hübsche Häuschen hat sich in ein überdimensionales Mikado verwandelt. Das hat die Familie vor einigen Tagen durch den Anruf entfernter Nachbarn erfahren. Schadensbegrenzung ist nicht mehr möglich und der Traum vom eigenen Ferienhaus hat sich in einen Trümmerhaufen verwandelt.

Unser Tipp: Denken Sie vorher an die zu erwartende Schneelast und treffen Sie Vorbereitungen und Gegenmassnahmen, oder - viel einfacher und bequemer - mieten Sie einfach ein Ferienhaus in Lappland.

Schneelast und Dachlawinen in Lappland - Einst ein Haus - jetzt ein grosses Mikado
Einst ein Haus - jetzt ein grosses Mikado