Schweden und die WHO - Die Sache mit den doppelten Massstäben [2 Nachträge]

Schweden ist in Schockstarre und fährt die Stacheln aus. Die WHO, bekanntlich eine Koordinationsbehörde der Vereinten Nationen (UN), hat sich in einer Pressekonferenz (Pressemitteilung vom 25.06.2020) erdreistet, Schweden in den Kreis der elf Länder aufzunehmen, die erhebliche Probleme mit der Bewältigung der Corona-Pandemi haben. Der entsprechende Satz aus der Pressemitteilung lautet

„In elf dieser Länder hat eine beschleunigte Übertragung zu einem signifikanten Wiederanstieg geführt, der ohne entschlossene Gegenmaßnahmen die Gesundheitssysteme in der Europäischen Region erneut an ihre Belastungsgrenzen stoßen lassen wird.“

Welche Länder zu diesem „erlauchten“ Kreis gehören, ergibt sich aus der englischen Fassung der WHO Pressemitteilung.

Es handelt sich um: Armenia, Sweden, Republic of Moldova, North Macedonia, Azerbaijan, Kazakhstan, Albania, Bosnia and Herzegovina, Kyrgyzstan, Ukraine, Kosovo.

Und sofort ist ein faszinierendes Phänomen zu beobachten: Eigentlich stehen die Schweden voll und ganz auf internationale Organisationen, grenzübergreifende Zusammenarbeiten, usw. Der Tag der Vereinten Nationen (24. Oktober) wird z. B. an schwedischen Schulen mit grossem Trara gefeiert und begangen, und was an Verlautbarungen von der UN kommt, steht in Schweden hoch im Kurs.

Doch wehe, wenn sich eine der - ansonsten so hoch geschätzten Organisationen - mit einer Verlautbarung gegen Schweden wendet.

Umgehend wurde am heutigen Tage kommunikativ aufgerüstet und der Chef der schwedischen „Volksgesundheitsbehörde“ (Folkhälsomyndigheten), Anders Tegnell, hat zum Gegenschlag ausgeholt. Im der heutigen Sendung „Morgenstudio“ des schwedischen Staatsfernsehens schlug er verbal wie folgt zu:

Die WHO habe die schwedischen Daten völlig falsch interpretiert und daraus dann falsche Schlüsse gezogen. Und der eigentliche Fehler liege vermutlich darin, dass die WHO nicht zuerst in Schweden angerufen habe, um sich die Lage hier erklären zu lassen um seine Aussagen damit zu krönen und abzuschliessen, dass die Aussage der WHO in Anbetracht der angespannten Lage für den schwedischen Tourismus schliesslich sehr ungeschickt sei.

Pure Scheinheiligkeit, denn dass das schwedische Gesundheitssystem unter der Leitung der Volksgesundheitsbehörde die Lage nicht im Griff hat und viel zu spät und viel zu seicht reagiert hat, ist - in Schweden wie auch im Rest der Welt - weitgehend unstreitig.

Ich zitiere mal einen anderen Blogger: Es sind nicht die Massstäbe die mich ankotzen, es sind die doppelten Massstäbe.


Nachtrag 2020-06-26: Im Laufe des Tages ist die WHO nach den energischen Protesten aus Schweden verbal ein kleines Stück zurück gerudert, hat aber Schweden auf der Liste der elf Problemländer belassen.

Nachtrag 2020-06-27: Und schon ist auch Visita (der Branchenverband der im Tourismus tätigen Unternehmen) zur Stelle um sich darüber zu beklagen, dass Schweden derzeit täglich 316 Millionen SKR (umgerechnet ca. 33 Millionen Euro) an Einnahmen im Tourismus verliert. Die führenden Länder, aus denen Touristen nach Schweden kommen, würden nämlich weiterhin wegen der gerade in Schweden hohen Corona-Virulenz von Reisen nach Schweden abraten. „Das ist eine Katastrophe“ sagt Thomas Jakobsson, der Finanzchef von Visita (Quelle: Link zu SVT). Wieso eigentlich? Geliefert wie bestellt.