Reportage: Mit Laptop und GPS - neue Wege in der Rentierhaltung

Jan Rannerud - Mit Laptop und GPS - neue Wege in der Rentierhaltung

Wir treffen Jan - wie verabredet - gegen 11 Uhr an der Abzweigung eines kleinen Waldweges mitten in Lappland und fernab aller grösseren Strassen. Traumhaftes Wetter mit Sonnenschein. Einige Wolken zieren den Himmel. Nicht eingeplant waren allerdings 30 cm Neuschnee. Denn gestern hatte es - eigentlich viel zu früh - ein paar Stunden kräftig geschneit. Kein Problem meint Jan, der uns mit seinem Toyota-Pickup mit Allradantrieb abholt. Für Jan ist das auch wirklich kein Problem, denn er ist quasi hier draussen in der Natur aufgewachsen und kennt jeden Stock und Stein. Das beruhigt uns, denn nun geht es über Wege und Pisten, die wir noch nie zuvor gesehen haben. Und das bei 30cm Neuschnee mit geschlossener Schneedecke. Jan macht es sichtlich Spass, seine Spur durch den Schnee zu ziehen.

Jan Rannerud - Mit Laptop und GPS - neue Wege in der Rentierhaltung

Jan geht nun schon auf die 60 zu und hat alle Phasen der Rentierhaltung und Rentierwirtschaft selbst miterlebt. Sein Alter sieht man dem drahtigen und agilen Mann übrigens nicht an. Ich hätte ihn gut und gerne 10 Jahre jünger geschätzt. 

Er erzählt von früher. In den 60-er Jahren da seien sie noch mit Ski  nach draussen und den Rentierherden hinterher. Das sei unglaublich anstrengend gewesen. Die erste Revolution waren dann die ersten Schneemobile Ende der 60-er Jahre. Richtige Kolosse seien das gewesen. Die ganze Dorfgemeinschaft hatte nur ein Schneemobil für alle. Deswegen haben sich die jungen Leute auf den Skiern an Seilen vom Schneemobil ziehen lassen und alle paar Kilometer habe dann einer los gelassen. Immerhin konnten sie auf diese Art und Weise schon ein viel grösseres Gebiet abdecken. Erst in den 70-er Jahren wurden Schneemobile für alle Rentierhalter erschwinglich und gebräuchlich. 

Heutzutage sind Schneemobile, allradgetriebene Geländewägen und LKWs selbstverständlich. Das führt allerdings zu grossem Kostendruck, denn die erforderlichen Investitionen in die Technik sind immens. Jan berichtet, dass ein Schneemobil bei der intensiven Nutzung eine Lebensdauer von etwa zwei bis drei Jahren hat. Kostenpunkt: Zwischen 10.000 und 20.000 Euro. Von den Treibstoffkosten ganz zu schweigen, da die Rentierhalter müssen bislang viel umherfahren.

Rentiere gelten als “gezähmte Tiere” ihrer Halter, obwohl sie eigentlich mehr als die Hälfte des Jahres wie Wildtiere leben. Kurz nach Beginn der Schneeschmelze werden sie aus den eingezäunten Gebieten freigelassen. Dann schweifen sie frei durch Wald und Flur. Zum Winterbeginn werden sie wieder in die eingezäunten Gebiete gelockt um dort im Winter gefüttert zu werden.

Mit Laptop und GPS - neue Wege in der Rentierhaltung

Die Rentierhaltung ist gesetzlich nur der nativen Bevölkerung, den Samen, vorbehalten. Die einzelnen samischen Bezirke, genannt “Sameby”, decken sich nicht mit den ordnungspolitischen Binnengrenzen. So umfasst das Sameby Malå eine Fläche von 2.886 Quadratkilometern (die ordnungspolitische Malå-Kommun umfasst demgegenüber lediglich 1.739 Quadratkilometer). Insgesamt 11 Rentierhalter halten im Malå Sameby ca. 3.000 Rentiere (Kälber unter einem Jahr nicht eingerechnet). 

Ein wichtiger Hinweis am Rande: Fragen Sie niemals einen Rentierhalter danach, wie viele Rentiere ihm denn gehören. Diese Frage ist ungefähr dasselbe wie die Frage nach ihrem aktuellen Kontostand. Die Anzahl an Rentieren entspricht in etwa dem Reichtum einer Familie und danach wird nicht gefragt und darüber wird nicht gesprochen.

In der Sommersaison bewegen sich die Rentiere also frei in der Natur. Leider oft auch auf Strassen und Wegen. Das führt leider dazu, dass in jeder Saison viele Rentiere angefahren und überfahren werden. Hinzu kommen die Rentiere, die durch Wildtiere (u.a. von Bär, Vielfrass, Luchs) gerissen werden. Für die Raubtiere ist es ein leichtes, die neugeborenen Kälbchen zu reissen. Der jährliche Bestandsverlust wird auf 20-30 Prozent geschätzt, was durch die Würfe zahlenmässig wieder ausgeglichen werden muss. 

Natürlich wollen und müssen die Rentierhalter den Zustand ihrer Herden auch in der Sommersaison kontrollieren. Bislang bedeutete das lange Fahrten durch unwegsames Gelände. Zwar haben die Rentierhalter aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrung ein gutes Gespür dafür, in welcher Richtung sich die Herden bewegen. Bereits ein jagendes Wildtier kann dem Gespür aber einen saftigen Strich durch die Rechnung machen. 

Seit einem Jahr wird im Sameby in Malå deswegen modernste Technik eingesetzt. Mehrere Rentiere aus jeder Herde bekommen ein Halsband mit einem GPS Sender. Dieser sendet im Stundentakt die aktuelle Position. Die Technik begeistert, ist der Sender doch nur etwa so gross wie eine Zigarettenschachtel und die Batterie im Sender soll ein ganzes Jahr halten.

Jetzt kann Jan am Laptop kontrollieren, wo sich seine Herden befinden und bei Bedarf direkt die richtige Route wählen. Das ist übrigens auch sehr gut für die Umwelt und schont zudem den Geldbeutel, können doch jetzt viele unnötige Kilometer für Jan eingespart werden.

Jan Rannerud - Mit Laptop und GPS - neue Wege in der Rentierhaltung

Zurück in den Toyota. Nach einigen Kilometern hält Jan plötzlich an und nimmt den Laptop aus der Tasche. Nun muss er sich mit dem Internet verbinden, was über das Mobiltelefon geschieht. Hier liegt im Moment noch ein Schwachpunkt des Systemes beim Outdoor-Einsatz. Die Netzabdeckung ist zwar sehr gut wenn man bedenkt, dass hier rein statistisch nur etwa 2 Menschen auf jedem Quadratkilometer wohnen, jedoch in den unberührten Gebieten gibt es dennoch viele Gebiete ohne Mobilempfang. Und nicht überall, wo es Mobilfunkabdeckung gibt, gibt es auch das schnelle UMTS-Netz.

Jan Rannerud - Mit Laptop und GPS - neue Wege in der Rentierhaltung

Wir erleben das Problem auch sogleich anschaulich in der Praxis. An der Stelle, an der Jan gehalten hat, gibt es immerhin Netzabdeckung. Aber nur im langsamen GPRS-Modus. Das auf einer Webseite  hinterlegte Portal arbeitet mit einer Kartenansicht, die ähnlich wie Googe-Maps aussieht. Das sind eine Menge Daten, die übertragen werden müssen. Nach einer Wartezeit sehen wir schliesslich eine Karte der Umgebung mit einigen Markierungen. Neben der Karte ist eine Liste mit den anzeigten Sendern zu sehen. Die Herde, nach der wir suchen, befindet sich in etwa 12 Kilometer Entfernung und übrigens an einer anderen Stelle, als Jan sie eigentlich vermutet hatte. Also geht es wieder über Stock und Stein durch den Schnee. 

Mit Laptop und GPS - neue Wege in der Rentierhaltung

Während der Weiterfahrt erzählt Jan auch von den Tücken der Technik. Alle Rentierhalter im Sameby haben zweckmässigerweise Zugriff auf alle Sender. Neulich hatte er einige Tage ein Halsband mit Sender im Auto liegen. Kurz darauf habe ihn ein anderer Rentierhalter darauf angsprochen, welche Route er denn an diesem Tage gefahren sei und ob er seine Rentiere denn zum hiesigen ICA-Laden ausführen würde. Fluch und Segen der Technik. Ein universitäres Forschungsprojekt soll jetzt übrigens die Bewegungsdaten der Rentiere aufzeichnen um wissenschaftliche Analysen der Wanderungsbewegungen durchzuführen.

Schliesslich bei der Herde angekommen, können wir uns überzeugen, dass das neue System auch funktioniert. Zielgenau steuert Jan den Toyota bis an die Herde. Beinahe jedenfalls, denn Rentiere haben eine Fluchtdistanz von etwa 30 Metern. Fahrzeuge lassen sie auch viel dichter an sich heran, doch wir wollen ja auch aussteigen. Jan packt sein Laptop aus und verbindet sich mit dem Internet um zu beweisen, dass es sich auch um die richtige Herde handelt.

Jan Rannerud - Mit Laptop und GPS - neue Wege in der Rentierhaltung

Unser Auftrag war es nun, die Fotos für einen Zeitungsbericht über das neue System zu liefern. Und dafür sollten wir - so wünschte es unser Auftraggeber ausdrücklich - als Aufmacher für den Bericht Jan mit Laptop im Arm und im Hintergrund die Herde ablichten.

Jan Rannerud - Mit Laptop und GPS - neue Wege in der Rentierhaltung


Einzig der Sender an dem Rentier aus der Herde ist auf den Fotos nur schlecht zu erkennen. Der Sender ist einfach zu klein. Sie erkennen ihn an dem Rentier in der Mitte (grünes Halsband). Bei der gegebenen Fluchtdistanz wäre es ziemlich sportlich geworden, den Sender am Halsband grösser ins Bild zu setzen.

Jan Rannerud - Mit Laptop und GPS - neue Wege in der Rentierhaltung

Auch die Rückfahrt zum Treffpunkt führte uns wieder über bislang ungekannte Wege. Jan berichtete und erzählte auch auf dem Rückweg viel über das Gestern und das Heute. Und trotz aller Begeisterung für die neue Technik hörten wir ganz deutlich Wehmut heraus.


© 2009 lapplandblog.eu - Text und Fotos: Henning Wüst und Petra Fülbert

Anmerkungen und Anhang:

- Ein herzliches „Danke“ an Jan Rannerud für seine Zeit und sein Engagement!

- Der guten Ordnung halber sei darauf hingewiesen, dass hier natürlich keines der Fotos zu sehen ist, die im
Norran gedruckt worden sind.

- Wer sich für eine Rentierfütterung im Winter interessiert, sollte
in diesen Film bei YouTube hineinschauen.